Eine Verneigung

Erinnerungen an Heinrich Hahne zu seinem 110. Geburtstag

von Ernst Peter Fischer und Johannes Vesper

Heinrich Hahne - Walter Wohlfeld pinx.
Eine Verneigung
 
Erinnerungen an Heinrich Hahne zu seinem 110. Geburtstag
 
Von Ernst Peter Fischer und Johannes Vesper
 
Er war als Lehrer engagiert wie kaum einer, steckte voller Begeisterung für das unterrichtete Fach und brannte stets für die Kultur, die ja das Thema in der Schule ist und dem Leben Inhalt gibt. Ein Schüler spürte beim ihm unmittelbar, was auf Lateinisch „non scholae sed vitae discimus“ bedeutet, und niemand lebte das besser vor als Heinrich Hahne, der am 30. April 1911 geboren worden ist und uns in den 1960er Jahren am Carl-Duisberg-Gymnasium in Barmen in Deutsch, Philosophie, Latein und Geschichte, und wenn es sein mußte, auch in Musik und Griechisch unterrichtet hat. Wir lernten mit ihm bei Besuchen der umliegenden Theater und Opernhäuser den Umgang mit Literatur und Musik, auf Klassenfahrten nach Köln, Trier, Rom und Paris das Reisen und waren fasziniert von seiner Sprache und seinen humorvollen Formulierungen, die einem noch heute gelegentlich durch den Kopf gehen: „An Stammtischen sitzen Leute, die sich nicht allein besaufen können.“ „Wenn die Deutschen Pantoffeln getragen hätten, wären uns Weltkriege erspart geblieben.“ „Jeder kann eine Nacht durchfeiern, die Leistung besteht darin, am nächsten Tag pünktlich in die Schule zu kommen.“ Und überhaupt: Pünktlich ist man der anderen wegen, mit denen man verabredet ist, zum Beispiel im Klassenzimmer. Für das Fach Geschichte besuchte die Klasse den Treblinka-Prozeß in Düsseldorf und diskutierte, was die damals noch kaum bewältigte Nazi-Vergangenheit für uns bedeuten könne. Hahnes Engagement für die zeitgenössische Malerei und Kunst faßte er in zahllosen Zeitungsartikeln und Ausstellungseröffnungen zusammen und gab damit ein Beispiel für unsere eigenen Interessen. Den Abituraufsatz im Fach Deutsch schrieben wir im Von der Heydt Museum. Ein Thema bestand in der Bildbeschreibung von Paul Cezannes „Eremitage von Pontoise“, der wir gegenüber saßen.
 
Heinrich Hahne wußte unendlich viel. Das merkten auch die Schüler in der letzten Reihe, und er wußte vor allem, was man alles nicht wußte und zwar nicht nur in dem bekannten sokratischen Sinn, sondern auch im Bereich der Naturwissenschaften. Während sich der Physiklehrer redlich mühte, im Unterricht experimentell die Frequenzen von Licht zu bestimmen, behielt er das Wesentliche für sich und diskutierte mit den Knaben nicht, daß sich Licht nicht nur als Welle, sondern auch als ein Strom aus Teilchen bewegt, was auf keinen Fall einfach zu fassen ist. Wenn Hahne dagegen über Farben und ihre Lehre erzählte, über Goethes Kreis und Newtons Spektrum sprach, faszinierte er uns mit den Fragen der modernen Physik, in der Farben trotz aller Lehren ein Geheimnis blieben, wie die Lichtstrahlen selbst. Man kann sie sowohl vermessen als auch empfinden, und man kann vor allen Dingen sein Leben lang darüber nachgrübeln. Und da war es wieder, das Leben, für das man in der Schule lernen konnte, und wir staunten damals in den Bänken und sind bis heute dankbar.
 

Klassenfahrt mit Heinrich Hahne (5. von rechts mit hellem Schal)

Und wir staunten auch bei ihm zu Hause. Denn als die Schulbehörde meinte, den Philosophieunterricht streichen zu müssen, verlegte ihn der Lehrer auf den Sonntagabend und lud uns zu sich in sein Wohnzimmer voller Bücherwände ein. Alle kamen, lasen und diskutierten mit ihm die Einleitung zur Kritik der reinen Vernunft, die davon erzählt, daß die Menschen vor Fragen gestellt werden, die sie mit ihrer Vernunft nicht beantworten können, und wir begriffen die Wichtigkeit offener Fragen. Was konnte man uns halbwüchsigen Schülern Wichtigeres mit auf den Lebensweg geben, als die Einsicht, daß die Zukunft offenbleibt und auf unseren Beitrag wartet
 
Natürlich konnte auch Hahne nicht auf Leistungsnachweise wie Klassenarbeiten oder auch Referate mit monatelanger Vorbereitung verzichten. Irgendwann erweiterte er dabei den Begriff der „Klassen“-Arbeit und fragte, was unsere Pflichtübungen mit der Arbeiterbewegung und der Lohnarbeit zu tun habe, mit der viele Menschen ihr täglich Brot verdienen müssen. Hahne sprach von den Privilegien der Bildung und meinte damit auch die Fähigkeit, mit seiner Freizeit etwas anfangen, Muße pflegen zu können. Er äußerte den Verdacht, daß viele Menschen eher unglücklich würden, wenn ihnen die Arbeit ausging, und er zitierte Gottfried Benn: „Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück“. Das war sein Humor.
 
So kamen wir bei ihm unentwegt ins Grübeln und Sinnen über die Leute und das Leben, und er hat uns nicht mehr losgelassen und auch nach der Schule Kontakt gehalten. Als er nach dem Abitur fragte, ob er noch etwas für uns tun könne, meinte einer von uns, er müsse uns das Wunderbare der Welt deutlich machen und ein Buch über „Das Schöne im Zeitalter der Technik“ schreiben und mit ihm eine Ästhetik der Wissensgesellschaft bieten. So ein Werk fehlt der Gegenwart. Ihr fehlt auch solch ein Lehrer, wie wir ihn in Heinrich Hahne hatten. Wir möchten uns heute vor ihm verneigen. Er hätte sich amüsiert und uns schmunzelnd zugesehen.

Heinrich Hahne, * 1911 in Gelsenkirchen, † 1996 in Wuppertal - Abitur in Emmerich, Studium in Köln, München, Kiel und Berlin Promotion bei dem Philosophen Nicolai Hartmann. Gymnasiallehrer in Lippstadt und Meschede und von 1853 bis zur Pensionierung in Wuppertal-Barmen (Carl-Duisberg-Gymnasium), verheiratet mit Susanne Hahne. Als Feuilletonist und Kunstkritiker publizierte er über Jahrzehnte u.a. in der FAZ und ZEIT, NBZ, der Süddeutschen Zeitung, im „Tagesspiegel“ (Berlin), in „Neue Deutschen  Hefte“, „Frankfurter Hefte“ oder „Orchester“ - und er schrieb Bücher über das Paukerdasein – „als Lehrer heute“, wie eines davon im Titel heißt. Seine mehr als 100 Berichte über Künstler seiner Zeit wurden 1990 im Wienand-Verlag veröffentlicht: Hahne, Heinrich: Wort+(und) Bild, 100 Künstler in der Kritik. ISBN 3-87909-217-6. Außerdem: Hahne: Kunst und Künstler - Reden und Aufsätze von Heinrich Hahne, ©Verlag Fr. Staats GmbH. Wuppertal (1976). Walter Wohlfeld (1917-2002), Landschaftsmaler des Bergischen Landes, ging es „um kosmische Naturstimmungen großer urtümlicher Landschaften“, wie z.B. Cornwall. Er porträtierte Heinrich Hahne 1972.