In Kleistscher Manier

Heinrich Steinfest – „Amsterdamer Novelle“

von Frank Becker

Klassisch
 
Eine Novelle in Kleistscher Manier
 
Es gibt kleine Prosa, die, obwohl schmal, weit mehr zu bieten hat als mancher seitenstarke Roman. Heinrich Steinfests „Amsterdamer Novelle“ ist ein solches Buch, schmalbrüstig wie das Haus, in dem und um das sich in der Novelle alles dreht, ein sich typisch für Amsterdam an einer Gracht in eine sich aneinander drängende Häuserzeile zwängendes Backsteinhaus mit Scheingiebel und Lastenkran. Dort beginnt alles mit einem Foto des Kölners Roy Paulsen (56), Maskenbildner beim Fernsehen, der in kurzen Hosen auf einem Fahrrad an eben diesem Haus vorbei radelt. Paulsens Sohn, der in Amsterdam lebt und arbeitet, hat das Bild zufällig gemacht. Nur: Roy Paulsen war noch nie in Amsterdam und hat seit Jahrzehnten auf keinem Fahrrad mehr gesessen, geschweige denn, daß er kurzen Hosen trägt. Aber er ist auf dem Bild gut zu erkennen, es ist seine fortgeschrittene Glatze, seine Brille, seine Nase, ja es sind sogar seine Knie und Waden. Und auf dem Bild ist hinter einem Fenster ein Kind zu sehen – oder eine alte Fau mit zerknittertem Kindergesicht. Ein Mysterium.
       Weil ihn das Geheimnis nicht losläßt, nimmt Roy Paulsen eine Woche Urlaub und begibt sich  selbst auf die Suche, bezieht in Amsterdam ein Hotelzimmer und klappert in Frage kommende Straßen an Grachten ab – und das sind nicht wenige, wie man sich denken kann. Durch einen merkwürdigen Zufall, es ist so einiges höchst merkwürdig und verdächtig in der ganzen Geschichte, findet er das Haus sogar – und gerät, nachdem er eingetreten ist,  unaufhaltsam in einen Strudel von Geheimnissen, Mystifikationen und brutaler Gewalt. Es gibt Tote, nicht nur einen, und Roy Paulsens Leben nimmt ein paar entscheidende Wendungen. Hier nun weiter zu erzählen, sträubt sich meine Feder, hieße es doch, um einen Vergleich zu bemühen, wie einst Wolfgang Neuss den Halstuch-Möder zu verraten (die Älteren unter unseren Lesern werden sich erinnern).  
       Und so wie das Bild plötzlich von seinem Mobiltelefon und dem seines Sohnes verschwunden ist, entsteht am Ende ein neues, das die Geschichte irgendwie wieder ins Lot bringt, ohne ihr Geheimnis zu lösen oder unerklärliches zu erklären. Heinrich Steinfest ist mit seiner nur 108 Seiten langen „Amsterdamer Novelle“ – im Kleist-Jahr übrigens geradezu klassisch im Kleistschen Sinne – eine Novelle gelungen, die auf engstem Raum alles, wirklich alles hat: Mysterium, kribbelnde Spannung, Überraschungen, starke Charaktere, Wendungen, ein offenes Ende. Meisterlich. Von den Musenblättern sehr empfohlen und mit unserem Prädikat, dem Musenkuß ausgezeichnet. 

Heinrich Steinfest – „Amsterdamer Novelle“
© 2021 PiperVerlag. 108 Seiten, gebunden – ISBN: 978-3-492-07117-8
15,- €
 
Weitere Informationen: www.piper.de