„Sie saßen und tranken am Teetisch“

Heinrich Heine zum Thema Liebe

von Heinz Rölleke

Prof. Dr. Heinz Rölleke - Foto © Frank Becker
  
„Sie saßen und tranken am Teetisch“
 
Heinrich Heine zum Thema Liebe
 
Von Heinz  Rölleke
 
Im Jahr 1823 veröffentlichte der junge Heinrich Heine (er wurde heute vor 224 Jahren geboren) in seinem „Lyrischen Intermezzo“ (herausgehobenen durch die Nr. 50) eines seiner bekanntesten Gedichte:
 
                        Sie saßen und tranken am Teetisch,
                        Und sprachen von Liebe viel.
                        Die Herren waren ästhetisch,
                        Die Damen von zartem Gefühl.
 
                        Die Liebe muß sein platonisch,
                        Der dürre Hofrat sprach.
                        Die Hofrätin lächelt ironisch,
                        Und dennoch seufzet sie „Ach!“
 
                        Der Domherr öffnet den Mund weit:
                        Die Liebe sei nicht so roh,
                        Sie schadet sonst der Gesundheit.
                        Das Fräulein lispelt: wie so?
 
                        Die Gräfin spricht wehmütig:
                        Die Liebe ist eine Passion!
                        Und präsentieret gütig
                        Die Tasse dem Herrn Baron.
 
                        Am Tische war noch ein Plätzchen;
                        Mein Liebchen, da hast du gefehlt.
                        Du hättest so hübsch, mein Schätzchen,
                        Von deiner Liebe erzählt.
 
Es bleibt zunächst offen, wer die ersten vier Strophen spricht. Erst ganz zum Schluß wird der Beobachter und Schilderer der Szene durch die Anrede
Mein  Liebchen“ erkennbar. Er hat als stummer Gast an dem Teekränzchen teilgenommen und berichtet nun das Erlebte seiner Geliebten, die nicht anwesend war. Man hatte sie, aus welchen Gründen auch immer, anscheinend nicht eingeladen.
 
So stehen im Gedicht die drei Strophen mit den wörtlichen Reden der sechs Diskussionsteilnehmer gerahmt zwischen der Beschreibung der Teegesellschaft und dem Bericht des Ich-Sprechers.  
 
Die nachmittäglichen Teegesellschaften waren seinerzeit bei der vornehmen Gesellschaft groß in Mode. Sie ersetzten oder ergänzten die berühmten literarischen Salons. Man erwartete anspruchsvolle Unterhaltungen und Diskussionen über alle möglichen Themen, geriet aber oft genug in ein bloßes Gerede. Darüber wurde vor allem im Kreis der romantischen Dichter gespottet. So ironisierte etwa E.T.A. Hoffmann in einem Wortspiel, das die damalige Orthographie ermöglichte, die gern über Poly- und Monotheismus redenden Teetrinker als „Theeisten“ (Anspielungen auf die „Theisten“, die über Gott  - altgriechisch θεός -  philosophierten). Im Gedicht wird viel über das Thema „Liebe“ geredet, das die Herren vornehmlich als ein ästhetisches Problem angehen, während die Damen im Gespräch ihrem „zarten Gefühl“ folgen. Im Zusammenhang mit dem Thema  ist denn auch von Erotik keine Rede zwischen den drei Paaren. Diese hätte wahrscheinlich das zum Schluß berufene „Liebchen“  zur Sprache gebracht, wenn sie denn anwesend gewesen wäre.
 
Die fünf Strophen sind im schlichten Volkslied-Ton gehalten. Vierzeilige jambische Verse sind in Kreuzreimform mit einem Einschnitt jeweils nach dem zweiten Vers geordnet. Einzelne exquisite Reimbindungen  wie Teetisch/ästhetisch oder platonisch/ironisch lassen allerdings eine gewisse ironische Distanz des Sprechers erkennen.
 
Die drei mittleren Strophen geben in kürzester Form Dialoge zwischen den drei Paaren wieder. Der  durch das Adjektiv „dürr“ und damit als saftlos gekennzeichnete Hofrat kann sich die Liebe wohl nur noch als unsinnlich, rein platonisch vorstellen. Das vieldeutige „Ach!“, mit der seine Gattin diesen Zustand ironisch kommentiert (indem sie ihren Hofrat im Sinn der antiken Fabelweisheit als  jemanden charakterisiert, der die durchaus von ihm   begehrten Trauben, die unerreichbar hoch hängen, als zu sauer schmäht), scheint das Bedauern oder gar der Schmerz über die Meinung und das Verhalten ihres Gatten auszudrücken.
 
Der im Gegensatz zum dürren Hofrat  offenbar wohlbeleibte Domherr reißt das Maul weit auf, um seiner Meinung Gewicht zu geben. Als Kleriker  hat er sich zu zölibaterem Leben verpflichtet, so daß er in der erotischen Liebe eigentlich keine Erfahrung haben sollte. Sein Argument für einen zurückhaltenden Umgang in Sachen leidenschaftlicher Liebe ist bezeichnenderweise nicht theologisch, sondern pseudomedizinisch geprägt. Das in der Liebe anscheinend noch gänzlich unerfahrene „Fräulein“ (wieso in Begleitung eines hohen Klerikers?!) kann auf diesen plumpen Ratschlag nur mit einem hilflos gelispelten Fragewort reagieren: „wie so?“ Dieser kurze, völlig ins Leere laufende Dialog bildet gewiß nicht zufällig als indirekte Kritik an der katholischen Morallehre in Theorie und Praxis den Mittel- und Höhepunkt des Gesprächs am Teetisch.
 
In der vierten Strophe trägt überraschend die Gräfin ihre Meinung zuerst vor, während ihr Gatte gänzlich stumm bleibt. Ihm fällt zum Thema absolut nichts (mehr) ein. So steht die abschließende Behauptung undiskutiert und unkommentiert als Abschluß des Gesprächs, die Liebe sei eine Passion im doppelten Wortsinn von Leidenschaft und Leiden. Die Gräfin kann ihre Liebespassion nur noch durch gütigen Umgang mit ihrem Gemahl ausleben.
 
Hätte die Liebste des Sprechers das leer gebliebene „Plätzchen“ in der Runde eingenommen, so hätte sie aus ihren Erfahrungen wohl eine zutreffendere Definition der Liebe gegeben als die vornehme spießbürgerliche Gesellschaft. Allerdings rekurriert der Sprecher nur auf ihre Liebe, nicht auf die seine oder gar die unsere. Das entspricht einer vom jungen Heine oft bedichteten Haltung, die meist ausschließlich auf die Zuneigung der Liebschaften zu ihm  und selten auf seine Liebe zum Gegenüber fokussiert ist. So darf auch hier vermutet werden, dass die fehlende Einladung seiner Liebsten auch auf ihn zurückgeht – er mag sich mit ihr nicht in der feinen Gesellschaft sehen lassen.
 
Das wirft einerseits kein gutes Licht auf den Sprecher und seine Auffassung von Liebe, andererseits weist er sich versteckt eine tragende Rolle in der Diskussion um das seit der Antike diskutierte Thema zu. Dahin weist das Stichwort „platonisch“ am Beginn des Teetischgesprächs. Es spielt auf das berühmte „Symposion“ des altgriechischen Philosophen Platon an. Ein Erzähler berichtet vom Verlauf des Versuchs, sich dem Phänomen der Erotik durch Vorträge und Dialoge zu nähern. Wie in Heines Gedicht nehmen sieben Personen teil. Am Ende zieht der einladende Sokrates ein Resümee, ehe sein Geliebter Alkibiades  wie eine  Personifizierung des Wesens der Liebe erscheint, die alle weiteren nun überflüssig gewordenen Diskussionen zum Schweigen bringt.
 
Richard Wagner hat, durch den Platonischen Dialog angeregt, für den „Sängerkrieg auf der Wartburg“ in seiner „Tannhäuser“-Oper den Minnesängern durch den Landgrafen als Thema vorgeben lassen, der Liebe Wesen vorzustellen („Könnt ihr der Liebe Wesen mir ergründen“; „Tannhäuser“, Szene 4).Während der fromme Wolfram von Eschenbach, von Walther von der Vogelweide unterstützt, der „Liebe reinstes Wesen“ als eine platonische Zuneigung preist, fährt der nach langem genußvollen Aufenthalt im unterirdischen Reich der heidnischen Liebesgöttin Venus zurückgekehrte Tannhäuser dagegen schwerstes Geschütz in seinem mitreißenden Jubelgesang über die Wonnen der Erotik im „freud'gem Triebe“ auf („im Genuß nur kenn' ich Liebe“). Dieser Lobgesang löst bei allen Anwesenden Entsetzen aus: Tannhäuser wird als Verherrlicher der 'sündhaften Liebe' („frevle Leidenschaft“) verdammt. Wagner reduziert die in Platons „Symposion“ sehr differenziert und mit mehr oder weniger tiefsinnigen Argumenten vorgestellte Diskussion über das Wesen der Liebe auf die angebliche Dichotymie irdischer und himmlischer Liebe, die unüberbrückbar bleibt.
 
Was Heines kurzes Gedicht betrifft, so übernehmen einige Diskutanden in Umrissen erkennbar, wenn auch nie genau, Positionen der Teilnehmer am von Platon vor zweieinhalb Jahrtausenden wiedergegebenen Gesprächs. Die Diskussion im Teekränzchen kreist, nur vage um den Versuch des Pausanias, tugendhafte und schändliche Erotik zu erklären und zu beurteilen – ein Gegensatz, der allerdings in Wagners „Tanhäuser“ im Zentrum des „Sängerkriegs“ steht und schärfer profiliert hervortritt als in Heines Gedicht.
Interessant ist die Rede des Arztes Eryximachos, der die Liebe rein physiologisch betrachtet und den Maßstab der Zukömmlichkeit anlegt; Formen der Liebe werden in die Kategorien gesunder oder krankhafter Eros unterteilt. Hier dürfte Heine die Anregung für seine Zeichnung der Position des Domherrn gewonnen haben, der beim Thema angeblich nur an die Gesundheit und ihre eventuelle Beeinträchtigung denkt.
 
Beim Vergleich des Ausgangs des „Symposions“ mit der Heine'schen Schlußstrophe ergibt sich ein überraschender Befund. Bei Platon faßt Sokrates als Hauptfigur des Gesprächs die durch die anderen Teilnehmer entwickelten Positionen abschließend zusammen und stellt ihnen schließlich die Definition der Liebe gegenüber, die ihm vor Jahren die Seherin und Priesterin Diotima gegeben hat. Die Rolle des Sokrates spielt der Sprecher des Gedichts nach und die der (auch von Hölderlin) hochverehrten Diotima übernimmt sein „Liebchen“: Sie hätte die Gesellschaft „so hübsch“ darüber aufgeklärt, was wahre Liebe ist.
 
Schon der junge Heine weiß seine Gesellschaftskritik mehr oder weniger ätzend anzubringen, und er zeigt zum Ende der theoretischen Auseinandersetzung unüberhörbar selbstbewußt und gänzlich von sich überzeugt seine, wohl aus einschlägigen Erfahrungen gewonnene, eigene Position. Daß diese der Haltung Tannhäusers entspricht und daß er, wenn er sie denn geäußert hätte, dafür von der Teegesellschaft im frühen 19. Jahrhundert genau so verurteilt worden wäre wie sein Dichterkollege vor 600 Jahren, ist wohl keine Frage.
 
 
© Heinz Rölleke für die Musenblätter 2021