Meine S├╝dstadt

von Erwin Grosche

Erwin Grosche - Foto © Frank Becker
Meine Südstadt
 
Eine Wahrsagerin sagte mir mal auf Libori: „Einmal wirst du einen Platz finden, auf dem ein Friseursalon und ein Kosmetikstudio von zwei italienischen Restaurants eingesäumt werden. Such Dir in der Nähe eine Ruhestätte, auf dem Du Dein müdes Haupt betten kannst.“ Natürlich habe ich gedacht, daß es einen solchen Platz nicht geben kann. Da kannte ich den Kilianplatz in der Paderborner Südstadt noch nicht. Hier entdeckte ich zwei italienische Restaurants, die ein Kosmetikstudio und den Friseursalon von Martina Meier umrahmten. Kein Wunder, daß in der Südstadt alle Menschen so gut aussehen und ihre Haare perfekt geschnitten haben. Alle sind auch so erleichtert, daß man nicht befürchten muß als größere Gruppe keinen Tisch zu bekommen. Rein theoretisch könnten vier Personen bei Salva Platz nehmen und vier Personen bei Sergio sitzen. Durch das Zusammenstellen der beiden Tische könnte man trotzdem nebeneinander sitzen. Welch neue Verwöhnmöglichkeiten sich da auftun. Man kann sich im Friseursalon vom Frau Meier die Haare schneiden lassen und bestellt sich dabei einen Cappuccino von Salva. Man könnte auch in der Osteria bei Sergio sitzen, und sich eine Pizza von Frau Kowalik bringen lassen.
 
       Die Südstadt beginnt für mich bei Getränke Plopp, Trompete lerne ich in der Musikschule am Querweg und meine Ohrenschützer lasse bei Kaup reinigen. Rund um den Kilianplatz finde ich alles was ich brauche. Kuchen hole ich bei Hermisch, zum Danken gehe ich in die Kilianskirche und zum Abnehmen kann ich auf den Monte Scherbelino joggen. In der Südstadt leben fast 30 000 Menschen (ohne Lieth und Kaukenberg), aber nur wer in seinem Garten die berühmte Südstadtmilbe beherbergt, gehört dazu. Im Viertel wohnen viele Trompeter, Mid-Ager und rüstige Senioren, die teilweise gar nicht wissen, daß sie Senioren sind. Es ist schön, daß auch wieder viele Kinder hier spielen und Wege mit Kreideherzen bemalen. Glück ist spießig. Wenn wir alle nur modern und cool wären, käme keine Stimmung auf. Es gibt sogar hier eine Zeitung, das Südblatt, das mit einer Auflage von 5000 Exemplaren auf Straßenfeste und Flohmärkte hinweist. Insgesamt stehen in dem Quartier fünf katholische Kirchen, eine Moschee, eine Synagoge und der Gasthof Weyher. Im weitesten Sinne gehört auch der Dom zur Südstadt. Manchmal denkt man sogar, Gott schaut auf diesen Stadtteil und hält größeres Übel von hier fern.
 
       Am 1. Mai hängen Frauen aus der Südstadt kleine Denkzettel an Gartenzaun und Maibaum. Man kann sich einen Denkzettel abreißen und findet dort aufbauende Botschaften. Das Miteinander am Kilianplatz ist auf jeden Fall eine Hoffnung. Wenn zwei Restaurants es nicht nur schaffen in Frieden miteinander zu leben, sondern sich auch so ergänzen, daß man zu Feierabend jeweils in dem anderen Restaurant sich verwöhnen läßt, dann ist die Welt auf einem guten Weg. Und wer das nicht glaubt, der kriegt von Frau Meier den Kopf gewaschen. Auf meinem Denkzettel stand übrigens dieses Jahr die Botschaft: „Der Mensch lebt nicht dort, wo er lebt, sondern dort, wo er liebt.“ (Augustinus Aurelius)
 

© 2022 Erwin Grosche

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