Kontraba├č

von Erwin Grosche

Foto © Birgit vom Wege
Kontrabaß
 
Heute sah ich das Porträt einer Frau, die einen Kontrabaß vor sich hielt. Ich fragte mich, ob sie überhaupt Kontrabaß spielen kann: Der Kontrabaß konnte auch nur Deko sein. Vielleicht hatte die Fotografin einen Kontrabaß in ihrem Studio stehen und dachte, ihr Model soll einfach einen Kontrabaß vor sich halten, dann wirkt alles lebendiger. In der Tat kann man froh sein, wenn man auch ohne Kontrabaß lebendig wirkt und die Aufmerksamkeit auf einem Foto nicht zu teilen braucht. Es ist schon erniedrigend, wenn man einen Kontrabaß spielen muß, der nie „Danke“ sagt. Ich meine, die Fotografin hatte vielleicht in ihrem Studio auch eine Bratsche liegen, aber es sieht immer ein wenig bemüht aus, wenn man sich eine Bratsche an den Hals klemmt. Die Hälfte der Betrachter denkt sowieso, das ist eine Geige, und der Rest wundert sich, daß man die Bratsche an den Hals geklemmt hat. Es sieht so aus, als müßte man ein ewig hungriges Baby stillen. Später gestand mir die Fotografin, daß ihr Freund Kontrabassist gewesen war und nur seinen Kontrabaß dagelassen hat, als er verschwunden war. Sie hat ihn schon nach drei Wochen Abwesenheit für tot erklären lassen, weil er ohne seinen Kontrabaß nie einen Schritt vor die Tür gemacht hatte. Er nahm ihn sogar mit ins Kino und fuhr ihn beim Einkaufen in einem Einkaufswagen herum. Sie selbst habe mal Klarinette gespielt, aber nach dem Vorfall mit dem Kontrabassisten habe sie kein Instrument mehr anfassen können. Sie beginne erst wieder jetzt sich daran zu gewöhnen, daß die Klarinette immerhin kein Saiteninstrument ist. Ich habe ihr dann einen Witz erzählt: „Macht sie einfach nur Getöse, nennt man sie auch Klariböse. Aber spielt sie gut, ich wette, nennt man sie auch Klarinette.“ Sie fand das aber nicht lustig und versteckte sich weinend hinter den Kontrabaß.
 
© Erwin Grosche 2023
 
 
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