Nach den Genen

von Ernst Peter Fischer

Ernst Peter Fischer
Nach den Genen
 
Jedes Lebewesen und jeder Mensch hat Gene, wie man auf der Schule hören konnte und durch die Medien erfahren kann, und so wird das doch wohl stimmen. Die Gene sind dabei so etwas wie die Lieblinge im öffentlichen Diskurs geworden, über die sogar schon Witze kursieren: „Treffen sich zwei Gene. Wie grüßen sie sich? Halogen!“ Und als der Fernsehkommissar Derrick in den Ruhestand ging und gefragt wurde, ob der Kollege Klein seine Nachfolge antreten könne, lehnten die Intendanten dieses Ansinnen mit dem ernst gemeinten und humorlosen Hinweis ab, der habe doch ein Assistentengen. Alles klar?
       Im Gegenteil! Alles offen, denn wer fragt, was ein Gen ist, kommt rasch ins Wundern, etwa wenn bei Wikipedia zu lesen ist: „Die Deļ¬nition, was ein Gen ist, hat sich ständig verändert und wurde an neue Erkenntnisse angepaßt“. So gehört es sich natürlich in der Wissenschaft, die aber inzwischen eine Grenze überschritten hat und die Ansicht erlaubt, daß es gar keine Gene gibt. Es gibt dann keine Gene, wenn die eben verwendeten Worte „es gibt“ so gemeint sein sollen wie in dem Satz, „es gibt den Text, den ich gerade lese“. Zellen müssen die Gene nämlich erst machen, die sie zum Leben brauchen, und so gilt: Gene sind nicht da, Gene werden erst gemacht, und vielleicht sollte man auf das Hauptwort verzichten und dafür ein Verb einführen. Wenn sich das Leben nach den Vorschriften in seinen Erbanlagen genetisch entfaltet, müssen die dazugehörigen Informationen angefertigt werden. Das Leben ist nicht etwas Festes, sondern - im Gegenteil - etwas Bewegtes, etwas das genetisch wird, indem es seine Moleküle genen läßt, wobei sie sich selbst schaffen, wie es das Leben auch kann.
       Gene machen Menschen, Menschen machen Menschen, und heute machen Menschen auch Gene. Die Genetiker können das Erbgut manipulieren, das dadurch doppelt beweglich ist - durch sich selbst von innen und durch Eingriffe von außen. Das gute alte Gen läßt sich kaum noch fassen. Die Zeit nach den Genen hat begonnen, und die Zukunft zeigt sich so offen wie nie. Sie liegt auf keinen Fall von vorneherein an einer genetischen Leine. Die muß immer wieder neu gemacht werden.

 


© Ernst Peter Fischer

Wiedergabe in den Musenblättern aus „Wahrheit im Widerspruch“ mit freundlicher Erlaubnis des Autors.