Bek├╝mmerte Lieder

Stephan Sulke im Wuppertaler Rex-Theater

von Frank Becker

Bekümmerte Lieder

 


Weißt Du noch?


Er gehört zu den ganz Großen der deutschen Chanson- und Liedermacher-Szene, den wenigen, die nach über 30 Jahren noch oder wieder auftreten. 2001 war er nach langer Bühnenpause als Triumphator vor volle Säle zurückgekehrt. Doch jetzt wirkte Stephan Sulke
müde, erschöpft, beinahe resignativ. Sein mit ihm in die Jahre gekommenes Publikum ist geschrumpft, man sieht es, er sieht es - und er reagiert unangemessen vergrätzt. Noch immer gibt es viele, die seine alten und neuen Lieder und seinen verknautschten Charme mögen - rund hundert sind an diesem Abend ins Rex-Theater

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gekommen, und die haben etwas mehr Akzeptanz verdient. Es brauchte folglich eine Weile, bis sich zwischen Künstler und Gästen eine gute Atmosphäre aufbauen konnte - eine spürbare Distanz aber blieb. Dabei hatte Stephan Sulke, der sich am Flügel oder auf der Gitarre selbst begleitete, viel
Klang- und Gefühlvolles mitgebracht. Er war nicht müßig in den Jahren seit seiner Rückkehr auf die Bühne, konnte neue Lieder wie "Denk an mich, ich sing für Dich" (sehr hübsch in Sulke-Manier und mit angenehm eingespielten Streicher-Samples) ebenso ergreifend bringen wie seine Klassiker. "Ich brauche dich", "Immer wieder", "Der Typ von Nebenan", "Mensch so `ne Scheiße" oder "Aber ich lieb dich doch" waren dabei, "Ulla" und "Du machst mir noch mein Herz kaputt" nicht - aber man kann ja nicht alles haben.

Tiefe Melancholie

"Komisch", zu dem es auf seiner Homepage ein köstliches Filmchen gibt, brachte selbstironisches Lachen und die wunderbaren "Weißt du noch" und "Ein vergilbtes Stück Papier", verursachten wie jedes Mal wieder einen Kloß im Hals. Auffällig das konzentrierte Ansingen gegen die Angst vor dem Alter, vor Einsamkeit und Tod, wie es auch Hermann Hesse ergreifend getan hat. Mit selbstironischer

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Larmoyanz der Blick in den Spiegel bei "Gesicht", "Mensch, ging das aber schnell" (das älter werden) kokettiert humorvoll mit dem eigenen Alter, wohingegen "Der alte Her im 5. Stock" eine Projektion der quälenden Ängste vor dem Alleinsein und dem einsamen Tod ist. "Tom" und "Gustav" besingen diesen gar explizit, illustrieren die Konfrontation mit dem Verlust von Freunden und den schrecklichen Gedanken an die mögliche Nähe ja auch des eigenen Endes. Es sind bekümmerte Lieder, die einen zerbrechlichen, sorgenvollen Menschen zeigen. Das berührt.

Balladen

Eine neue Facette zeigt Sulke mit Texten, die er neidvoll und mit Hochachtung betrachtet und die er vor dem Vergessen bewahren möchte. Mit seinen Vertonungen von Balladen von Goethe bis Heine, Keller und Fontane hat er durchaus Chancen, finde ich. Mein Vorschlag ans Kultusministerium, das heuer Max Frisch und Gotthold Ephraim Lessing per Lehrplan an die Schüler bringt: man sollte Sulkes Balladen-Vertonungen ins Curriculum aufnehmen. Zwei überzeugende Beispiele hat er im Programm: Goethes "Der Zauberlehrling" als veritablen HipHop mit gesampeltem Sound und Fontanes "Herr von Ribbeck" als swingenden Blues, ebenfalls mit musikalischem Playback. Eine CD, die nicht mehr als eine Theater-Karte kostet, ist auch schon zu haben. Über das Album mit dem Titel "Pop & Poesie" werden die Musenblätter in Kürze auf der Musik-Seite berichten. Die stehenden Ovationen der hundert Aufrechten wurden mit zwei eher lustlosen Zugaben honoriert. Immerhin schön, ihn mal wieder "live" gehört zu haben.


Weitere Informationen unter: www.stephansulke.de