Was versäumt wurde

Die Stadtbild-Debatte hält die Politik in Atem

von Lothar Leuschen​

Foto: WZ
Was versäumt wurde
 
Die Stadtbild-Debatte hält die Politik in Atem
 
Nun debattiert Deutschland bereits beinahe eine Woche über die Stadtbild-Definition des Bundeskanzlers. Das ist an sich schon bemerkenswert. Dabei können sehr viele Bürger dieses Landes aus eigener Erfahrung bestätigen, daß Friedrich Merz nicht blind ist. Die Innenstädte wirken gerade auf Frauen und an den Abendstunden wirklich nicht mehr sehr einladend. Und viele Töchter können tatsächlich erzählen, daß sie mit Gesten, verbal oder gar per Berührung belästigt und bisweilen verängstigt werden. Falsch an der Aussage des Kanzlers ist lediglich, daß allein Flüchtlinge für diese Entwicklung verantwortlich sind. Ekelhaftes Gebaren von Männern jeden Alters kennt in Wahrheit keine Nationalität. Es kennt schlechte Sozialisation und schädliche Interpretation von Religion, falsche Rollenbilder. Insofern ist die Kritik an Merz berechtigt, aber inzwischen überzogen. Sie erinnert nun vielmehr an politische Lagerrituale. Eines davon hat jetzt vor der Parteizentrale der CDU in Berlin einen ärgerlichen Höhepunkt gefunden. Die Prozession überwiegend junger Frauen ist ein weiterer Beleg dafür, daß auch links-grün motivierte Kreise aus ihren Denkblasen nicht herauskommen.
 
Dabei wäre es grundsätzlich keine schlechte Idee gewesen, mit jungen Menschen vor die Zentralen von CDU und SPD zu ziehen. Denn abseits der Befindlichkeitsdebatte über Aussagen des Kanzlers hat die Generation der Kinder und Enkel Wichtiges zu sagen. Warum sie es nicht sagt, bleibt auch das Geheimnis von Luisa Neubauer. Die Aktivistin stand ebenfalls vor dem Haus der CDU in Berlin. Bedauerlicherweise beklagte sie aber nicht den nachlassenden Elan für den Schutz des Klimas, sie beklagte auch nicht, daß die junge Generation vermutlich zu den Gebeutelsten seit den Zeiten der Trümmerfrauen gehört. Denn viele junge Menschen fragen sich nach ihrer Corona-Erfahrung und angesichts von Krieg und Krisen zu Recht, wie lebenswert ihre Zukunft wohl sein kann. Wo und was wird sie arbeiten? Wie und wovon lebt sie im Alter? Wer schafft Frieden und Sicherheit? Auch das sind Themen, mit denen sich die Regierung dringend beschäftigen müßte. Das zu fordern, haben die Demonstrantinnen und Demonstranten leider versäumt.
 
 
Der Kommentar erschien am 23. Oktober in der Westdeutschen Zeitung.
Übernahme des Textes mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
 Redaktion: Frank Becker