Und hier eine Vorweihnachtsgeschichte
„Die Weihnachtshose“
Ich gehe mal davon aus, daß Sie gut organisiert sind? Hab ich mir gedacht. Dann gehören Sie sicher auch zu den Glücklichen, die schon Ende Juli alle Weihnachtsgeschenke zusammen haben? Ist ja auch kein Problem, wenn man gut organisiert ist. Im Grunde geht es nur um Entscheidungen. Man muß einfach sagen können, daß man alles hat, und schon ist man fertig mit dem Einkaufen: „Zwei Kilo Marzipan, drei Liter Cognac, darf es sonst noch was sein?“ - „Nein danke, ich glaube, dann hab ich alles.“ Und doch; wenn es um Weihnachten geht, zergrübelt es einen regelmäßig. Diesmal nicht, hab ich mir geschworen und am letzten ersten Advent zu Inge gesagt: „Weißt du was, Schatz? Ich glaube, du brauchst mal wieder was Schickes zum anziehen!“ Meine schöne junge Frau guckte mich an wie ein aufgeschreckter Nasenbär. „Wie kommst du denn auf die Idee?“ - „Naja“, hab ich gesagt, „ich dachte, wir gehen zusammen was Schönes für dich einkaufen, dann hast du ein schönes Weihnachtsgeschenk und ich hab eine Sorge weniger.“
„Aha“, meinte Inge, „die elegante Lösung! Nur unter einer Bedingung: Anschließend kaufen wir für dich eine neue Hose - eine Weihnachtshose! Dann brauch ich mir auch kein Geschenk auszudenken, und außerdem fällt dir die alte doch fast schon vom Körper, das wäre der Bevölkerung ja nun wirklich nicht zuzumuten.“
Stand ich da und hatte ein wunderschönes Selbsttor geschossen. Denn wenn ich eins hasse, dann ist es Hosenkaufen. Hemden sind schon schlimm, Schuhe schlimmer, aber Hosen? Und es kam am schlimmsten, wie es kommen mußte. Meine schöne junge Frau schwebte durch die einschlägigen Boutiquen, zupfte hier, rupfte da und probierte in rasender Geschwindigkeit etwa 28 Röcke, 46 Hosen und 130 sonstige undefinierbare Teile an, wobei sich mit der Belegschaft interessante Gespräche entwickelten.
Die aktuell größte Gefahr für die westliche Zivilisation ist derzeit, so der Grundtenor der zeitweise engagiert geführten Diskussion, ohne jeden Zweifel der mit Nylonfaden vernähte Knopf, da die menschliche Haut offensichtlich dem Kontakt mit Nylonfäden insbesondere asiatischer Provenienz nicht gewachsen ist. Ich sollte auch mal was sagen, um das Verfahren zu beschleunigen; dachte ich bei mir und rief in eine günstig gelagerte Sprechpause hinein: „Sehr richtig - darauf hat bereits Diogenes von Smyrna hingewiesen, der soll ja auch ‘ne unheimliche Tonne gehabt haben, mal anthropologisch gesehen!“
Das hätte ich nicht tun sollen. Die Oberverkäuferin, eine schwere Blonde, wandte sich mir entgeistert zu, und eine zweifellos geringfügig beschäftigte Aushilfe verschränkte aggressiv ihre Sonnenbank-Ärmchen vor der na sagen wir mal Brust. Und in die bleierne Stille, in der man eine Nylon hätte fallen hören können, sagt Inge, so trocken wie ein altes Brötchen: „Mein Mann braucht übrigens eine Hose.“
Schwer lasteten die Worte für Sekunden über den Umkleidekabinen, und ich hörte mich stammeln: „Naja, am liebsten schwarz oder jedenfalls dunkel - ungefähr so, wie ich eine anhab.“ Und nun ging alles sehr schnell: Hose um Hose, allesamt schwarz oder jedenfalls dunkel, wurden herbeigetragen in allen erdenklichen Größen und Formen, und auf alle trafen zwei Dinge zu: Erstens paßten sie mir nicht, und zweitens erinnerten sie in nichts an die Hose, die ich trug.
Verzweifelt versuchte ich die Übersicht darüber zu behalten, welche Hosen ich inzwischen anprobiert hatte und was mir dabei zugestoßen war: Diese hatte ich nicht zubekommen, durch jene war ich gestürzt wie ein haltloser Komet durch einen Asteroidenring - ohne Erfolg. Kaum war ich luftschnappend wieder aus der formschönen und übel riechenden Umkleidekabine aufgetaucht, hatten die versammelten Beinkleid- Expertinnen alles längst wieder durcheinandergeworfen und die eine Hose, die mir bis dahin noch am besten gepaßt hatte, war längst wieder im Magazin verschwunden.
„Ist er immer so schwierig?“, hörte ich die Oberverkäuferin Inge zumurmeln, die traurig zurücknickte, während man mir sechs weitere Hosen zur Anprobe zuwarf.
„Das Problem ist ja vor allem um den Bauch herum!“, sprach meine schöne junge Frau; „vielleicht gibt es da noch Zwischengrößen?“ - „Ja da muß ich mal fragen - VERENA! Hör mal mit die Hosen hier, (hält 2-3 Hosen hoch), weißt DU, ob es da noch Zwischengrößen gibt?“ Aus der Ferne der Strumpfabteilung tönt eine undeutliche Stimme, die ich nicht verstehe, weil die Akustik in der Kabine durch die zwei- bis dreihundert an den Wänden hängenden Hosen einem schalltoten Raum gleicht; was die Textil-Vorarbeiterin zu höchsten stimmlichen Anstrengungen veranlaßt: „NEE! Nicht wegen die Länge, der Kunde hat die Probleme um der Bauch herum!“
Als ich wieder ans Neonlicht trete, wird mir der Ernst der Lage klar: Es ist aussichtslos. Es ist vorbei. Es gibt keine Hose, die mir paßt. Jede Hoffnung, daß für meinen schiefen Körper eine Textilie konstruiert werden könnte, die an ihm hält, ist zerbrochen. Ich wende mich mit heiserer Stimme an die Menschen, die im Halbkreis um den von mir verursachten Hosenberg stehen, den man aufgeschüttet hat, um mir die Schuldhaftigkeit meiner Existenz vor Augen zu führen, und mache einen letzten Versuch: „Ja, könnte man nicht einfach diese hier nehmen und oben ein bißchen weiter machen?“
Die geringfügig Beschäftigte reißt voller Erschrecken die Augen auf; die Oberverkäuferin schüttelt sachte den Kopf und blickt verzweifelt Kollegin Verena an, die inzwischen näher getreten ist, sich nun aber entsetzt abwendet und den Chef alarmiert. Welcher offensichtlich unverzüglich, weil noch kauend, den Raum betritt. Ungefragt eilt er herbei, mustert mich mit dem Ausdruck des höchsten Entzückens, zeichnet mit seinen großen roten Händen liebevoll eine sackartige Silhouette in die stickige Luft, womit er mich meinen muß, und ruft mit dem Ausdruck höchster Begeisterung: „Ja, das steht Ihnen ja ausgezeichnet, mein Herr!“
Ich verweise auf die etwa 50 Zentimeter, die mir die Hosenröhren über die Füße hinauslappen.
„Der Herr hat Probleme um der Bauch herum!“, ruft Verena von den Strümpfen quer durch den Raum herüber. Der Chef nickt verstehend und signalisiert mit heftiger Handbewegung, daß ihm nun die Problematik in ihrer ganzen Schwere bewußt wird. Er beugt sich ganz nah an mich heran und spricht mit leiser Stimme, als wolle er mir das seit Jahrhunderten auf dem Sterbebett des Firmenpatriarchen mündlich weitergegebene Geheimnis einer alteingesessenen Hosenherstellerfamilie anvertrauen: „Die müssen Sie erstmal ein paar Tage tragen, mein Herr! So eine Qualitätshose paßt sich nämlich erst mit der Körpertemperatur an. In zwei Tagen sitzt die wie ‘ne eins, hat aber trotzdem - (er blickt sich verschwörerisch um und macht eine Handbewegung, als wolle er einen Sack Kartoffeln ins Regal heben) - hat aber trotzdem im Schritt genügend Raum - Sie verstehen!“ Ich verstehe. Alle blicken mich an. Die mehr oder minder geringfügig Beschäftigten blicken mich an. Der Chef blickt mich an. Die im Lokal zuvor verstreuten Kunden haben eine Gruppe gebildet, sind neugierig nähergetreten und blicken mich an. Und Inge stand hinten in der Ecke und grinste.
Den Chef vor seinen Leuten düpieren? Unmöglich. Personal gibt es wie Sand am Meer, aber Chefs sind dünn gesät. Und man hatte sich schließlich Mühe gegeben, das Unmögliche versucht, die Quadratur des Kreises, will sagen eine Hose zu finden, die mir paßt.
Sie aber wollen wissen, was geschah? Je nun. Ich habe die Hose gekauft, die mir mit Abstand am allerwenigsten paßt. Das steigert meine Chancen für den nächsten Einkauf beträchtlich; denn so eine kriege ich garantiert nie wieder.
© Wendelin Haverkamp
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