Adventskalender

... für die Leser und Leserinnen der Musenblätter

von Erwin Grosche

© efes / pixabay

Adventskalender
 
Ich habe vier Adventskalender und mein Hund hat auch einen. Da mein Hund keine Kläppchen öffnen kann, mache ich das für ihn. Nichts belastet eine Weihnachtszeit mehr als ein ungeöffneter Adventskalender. Adventskalender bekommt man geschenkt und eine Linksliegenlassung gilt als Sünde.  
       Bis ich morgens alle Kläppchen meiner Adventskalender gefunden und geöffnet habe, ist so viel Zeit vergangen, daß es draußen wieder anfängt zu dämmern. Es ist auch nicht so, daß alle Kläppchen leicht zu finden sind. Da werden übliche Reihenfolgen vernachlässigt, weil man hofft, daß dieses Suchen das Warten auf das Weihnachtsfest erträglicher macht. Jedes zu findende Kläppchen steht für einen Tag, der uns zum 24. Dezember führt. Bei vier Adventskalendern und einem Hundeadventskalender ist jedes gefundene Kläppchen ein Weiterkommen, zumal sich auch die Verstecke an kein Prinzip halten und auf jedem Kalender anders auftauchen. Am mühevollsten ist es, die Aufgabe des Hundes zu übernehmen und auf seinem Kalender das nächste Kläppchen zu orten. Warum auf einem Hundeadventskalender auch ein solches Durcheinander herrschen muß, ist mir nicht ganz klar. Der Hund schaut nur zu und würde sich auch über die Kläppchenüberraschungen freuen, wenn alle 24 Präsente der Reihe nach geordnet wären. Es ist auch ungerecht, daß ich die Kläppchen finden muß, aber mein Hund den Inhalt bekommt.
Dieses Durcheinander vor Gottes Ankunft läßt uns auf seine Wiedergeburt hoffen. Danach liegt das 16. Kläppchen wieder vor dem 17 Kläppchen, und Freude und Glück kommt auf die Welt, Hoffnung und Zufriedenheit.
       Natürlich geht es beim Adventskalenderkläppchenöffnen nicht darum, als erster alles gefunden zu haben. Alles hat seine Zeit und Anerkennung findet schon der, der mitmacht und alles ausprobiert. Geduld ist die Regel, Augen aufhalten die Pflicht.
Ich habe einen Adventskalender, da sind nur kleine Bilder hinter den Kläppchen zu sehen, und alles wird ohne Schokolade präsentiert. Ich habe diesen Kalender gleich nach dem Öffnen des 4. Kläppchens nicht mehr betreut, dafür esse ich zu gerne Schokolade und ohne Brille fiel mir auch das Erkennen zu schwer.
Bei meinem  Adventskalender aus Lübeck finde ich hinter allen Kläppchen Marzipan und auch da hätte ich mir ein wenig mehr  Abwechslung gewünscht um meinen Sucheifer anzustacheln.
Warum findet man eigentlich nichts Herzhaftes hinter den Kläppchen? Wie würde ich mich freuen wenn nach all den süßen Naschereien einmal ein Stückchen Käse auftauchen würde. Lübecks Marzipanbäckereien könnten sich mit Schweizer Käsereien zusammen tun und Neues und Großes erschaffen.
Gestern dachte ich noch, wie passend es auch sein könnte, wenn meine Apotheke meine Entschleunigungstabletten in einem stressabbauenden Adventskalender verborgen hätten. Da wäre der Weg das Ziel und mein gelassenes Suchen gleich meine Behandlung.
       In meiner Siedlung wohne ich in der Hausnummer 8. Wenn man so will ist meine Haustür das achte Kläppchen und dahinter warten mein Hund und ich als Überraschung. Das ist eine schöne Idee, die nicht nur den Kindern gefällt und uns allen die Freuden des Festes näher bringt. So kann man hier von Haus zu Haus gehen, bis man am Schluß bei der Hausnummer 24 ankommt, die uns am Weihnachtstag mit einer offenen Haustür überrascht und uns alle einlädt zu Glühwein und Spekulatius. Dort feiern wir dann alle Weihnachten. „Ein frohes Fest wünsche ich allen!“ 

Erwin Grosche (für die Leser und Leserinnen der Musenblätter) 2025
 


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