Daniel Gerlach
zur Friedenskunst im Nahen Osten
Um eine umfassende Geschichte des Nahen Ostens geht es hier nicht. Daniel Gerlach, der sich seit vielen Jahren mit Geschichte und Gegenwart der Region beschäftigt, greift jedoch weit zurück. So berichtet er über das Festungsarchiv von Persepolis -zahlreiche Tontafelfragmente aus dem alt persischen Großreich (ca. 400-600 v. Chr.), welches für die Archäologie eine sehr wichtige Rolle spielt. Er schreibt über die Schlacht von Kadesch (1274 zwischen Ägyptern und Hethitern), nach der man die Rivalität 1259 v. Chr. mit einem Friedensvertrag beendet hatte. Eine Kopie dieses vielleicht ältesten völkerrechtlichen Vertrages steht als große Tontafel bei den UN in New York. Vielleicht stammt der älteste schriftlich vereinbarte Friedensvertrag aus dem Jahre 2350 v. Chr. in welchem zwei Stadtstaaten Nordsyriens ihre Grenzen festgelegt haben Jedenfalls war man sich schon im alten Arabien nicht ganz klar darüber, was Frieden bedeutet. Die Begriffe salam, silm und suhl bezeichnen unterschiedliche Aspekte dieses Zustandes ohne Chaos und Gewalt, - eines Zustandes der in der Region selten erreicht wurde.
Und der Jemen war schon im Altertum ein Krisenherd. Nach Massakern an Christen waren abessinische Truppen im Jemen eingefallen und mit Kriegselefanten nach Mekka gezogen. Der Leitbulle der Elefanten verweigerte dort den weiteren Vormarsch; der Legende nach beendeten zahllose Vögel mit einem Steinbombardement aus dem Himmel heraus den Feldzug. Dieses Ereignis ging als „Jahr des Elefanten“ (ca. 570 n. Chr.) in die Überlieferung ein. In der anschließenden Friedens- und Sicherheitskonferenz von Marib, eine der frühesten internationalen Konferenzen in der Geschichte, kamen Vertreter aus Arabien, Byzanz und Aksum zusammen, um die politischen Verhältnisse neu zu ordnen. Beschlüsse und Debatten der Konferenz sind nicht dokumentiert.
Die Einzelheiten der Auseinandersetzung zwischen Rom bzw. Byzanz und den persischen Sassaniden, sowie des schließlich geschlossenen „ewigen Friedens“ von 532 n. Chr. zwischen Justinian und Chosrau I. können im Rahmen einer Rezension nicht ausgeführt werden, sind aber äußerst lesenswert. Immerhin hielt dieser Frieden acht Jahre. Bei den Friedensverhandlungen spielte der Arzt Dr. Stephanos eine bedeutende Rolle, ein frühes Beispiel von privater Diplomatie ohne offizielles Mandat. Der Erfolg seiner Mission beruhte allein auf persönlicher Integrität und Vertrauen.
Welch katastrophale Folgen die Kreuzzüge des 11.-13. Jahrhunderts im Nahen Osten zeitigten, welche Rolle Frauen als Verhandlerinnen damals gespielt haben und wie komplex die politischen Verhältnisse jener Zeit waren, zeigt Gerlach anhand reichen historischen Materials. Wer heute die Unübersichtlichkeit des Nahen Ostens beklagt, werfe einen Blick auf die hochmittelalterliche Karte der Region mit der Vielzahl lateinischer Kreuzfahrerstaaten. Warum der amerikanische Kriegsminister Pete Hegseth mit seinem Tattoo des Jerusalemkreuzes und dem Motto „Deus vult – Gott will es“ Bezug auf die Kreuzfahrer nimmt, bleibt unklar.
Erst ab Seite 123 wird die moderne Geschichte des Nahen Ostens abgehandelt. Die Lektüre dieser Kapitel erleichtert das Verständnis der heutigen Situation nach dem Massaker vom 7. Oktobers 2023. Die Teilung West-Asiens 1916 nach dem Sykes-Picot-Abkommen in ein britisches und ein französisches Einflußgebiet, das britische Palästina- Mandat, die zionistische Besiedlung der Region mit Juden aus aller Welt und die Nakba 1948, die gewaltsame Vertreibung und Enteignung der autochthonen Palästinenser durch die Juden nach Gründung des Staates Israel, haben Wunden geschlagen, die bis heute nicht geheilt werden konnten.
Bereits in den geheimen Verhandlungen der 30er Jahre zwischen David Ben-Gurion als Vertreter der Jewish Agency, Rabbi Magnes und dem liberalen griechisch orthodoxen George Habib Antonius wurde kein modus vivendi zwischen den Volksgruppen Palästinas gefunden. Die Juden galten den Palästinensern nur als eine Religionsgemeinschaft, nicht als Volk mit Anspruch auf eigenes Staatsgebiet, umgekehrt werden auch die Palästinenser von den Juden nicht als eigenständiges Volk sondern als Teil der arabischen Nation betrachtet. Die Rückkehr der Palästinenser in das ihnen geraubte Land, das Gebiet des Staates Israel, ist für sie unverzichtbar und die europäischen Staaten müssen verantworten, daß sie die Staatsgründung Israels initiiert aber alleine auf Kosten und zu Lasten der Palästinenser geregelt haben.
Mit der Palästina- Frage endet Gerlachs Analyse nicht. Er erläutert die Politik des kleinen Staates Katar, den Zusammenbruch des Assad-Regimes in Syrien und glaubt, gerade im Fall Katars, eine arabische Kultur der Mediation feststellen zu können. Immerhin ist die Mediation sogar als Staatsziel in der Verfassung des Emirates verankert, welches als Vermittler in den letzten Jahren bemerkenswert auftritt. Der Staatsminister für Mediation und Konfliktlösung hat in Berkely studiert, und sein Land schon beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag vertreten.
Das Buch gut lesbar in einem journalistischen Stil verfaßt. Der Autor ist Chefredakteur des Fachmagazins zenith und Direktor des Berliner Thinktanks Candid Foundation. Als langjähriger Nahost-Korrespondenz ist er hervorragend vernetzt und ausgezeichnet informiert. Gelegentlich eingestreute persönliche Beobachtungen, Erlebnisse und Gespräche lockern den Text auf und erhöhen die Anschaulichkeit. Die Geschichte der Region wird von der Bronzezeit bis zur Gegenwart nicht lückenlos aber unter vielen wichtigen Aspekten dargestellt. Umfangreiche, kapitelweise geordnete Anmerkungen (dreizehn Seiten) sowie ein Personenregister erleichtern die Orientierung.
Daniel Gerlach – „Die Kunst des Friedens“
Eine andere Geschichte des Nahem Ostens
© 2025 C Bertelsmann (Penguin Random House), 1. Auflage, 350 Seiten, gebunden, 31 Farbfotos - ISBN 978-3-570-10585-6
25,- €
Weitere Informationen: https://www.penguin.de
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