Wissenschaftsanekdoten entzaubert

Antoine Houlou-Garcia – „Die berühmtesten Mythen der Wissenschaft“

von Frank Becker
Heureka!
 
Wissenschaftsanekdoten entzaubert
 
a² + b² = c². Richtig. Hat aber mit Pythagoras nichts zu tun. Was seit erdenklichen Zeiten kolportiert wird ist schlicht falsch. Sagt der Ideenhistoriker Antoine Houlou-Garcia in seinem Buch „Die berühmtesten Mythen der Wissenschaft“ und erklärt, daß man die Formel bereits auf einer babylonischen Keilschrifttafel gefunden habe, die auf 1800 v.u.Z. datiert werden kann, während das Prinzip der Formel auch schon von dem indischen Mathematiker Baudhayana benutzt und aufgezeichnet wurde, der 1000 Jahre vor Pythagoras lebte. Houlou-Garcia hat es sich mit seinem höchst unterhaltsamen, durch Anmerkungen belegten Buch zur Aufgabe gemacht, solche Wissenschafts-Legenden der Gerechtigkeit halber zu entmystifizieren. Selbstverständlich berichtete Newton über die Schwerkraft, aber nicht weil ihm irgendwann ein Apfel auf den Kopf fiel. Diese lustige Geschichte tauchte erstmals 1727 bei Voltaire auf, 1726, ein Jahr vor seinem Tod von Newton selbst erzählt, 60 Jahre nachdem sie angeblich passiert war. Hat Newton sie der Originalität wegen erfunden? Zudem hat Wilhelm Leibniz bereits 1684, drei Jahre vor Newton eine Theorie der Schwerkraft veröffentlicht.
 
Auf die an die zweimalige Nobelpreisträgerin Marie Curie gerichteter Frage eines Journalisten, wie es sei, mit einem Genie verheiratet zu sein, soll sie geantwortet haben: „Das müssen Sie meinen Mann fragen!“. Reine Erfindung, sagt Houlou-Garcia und widerlegt auch, daß Albert Einstein nur ein kleiner Beamter war als er die Relativitätstheorie aufstellte und daß man bis ins späte Mittelalter geglaubt habe, die Erde sei eine Scheibe. Diesen Irrglauben hielt allerdings die Kirche gegen jede Vernunft und Wissenschaft lange aufrecht, nannte z.B. Galileo Galilei einen Ketzer und brachte andere deswegen um. In den USA ist man ja derzeit auf dem Rückmarsch in dunkle Zeiten und beginnt in evangelikalen Kreisen wieder daran zu glauben und auch den Darwinismus zu verteufeln.

Louis Pasteur und Niels Bohr, Thales von Milet und Archimedes, Ernest Renan, Hypathia und Immanuel Kant - Antoine Houlou-Garcia untersucht den Wahrheitsgehalt von Anekdoten und Behauptungen über sie und andere und kommt zu dem Schluß: es wird in der Geschichte der Wissenschaften nach Kräften erfunden, geschwindelt und gelogen. Lohnende Lektüre!
 
Antoine Houlou-Garcia – „Die berühmtesten Mythen der Wissenschaft“
Von Archimedes bis Marie Curie - Die wahre Geschichte hinter Archimedes, Einstein, Newton und Co. – aus dem Französischen von Elsbeth Ranke
© 2025 Reclam Verlag Deutsche Erstausgabe, 208 Seiten, gebunden, 4 Abbildungen, Namensregister  -  ISBN: 978-3-15-011505-3
25,- €
 
Weitere Informationen: www.reclam.de