Schneckentempo kostet Geld
Von Lothar Leuschen
Die Geschichte hat Tradition, auch in Wuppertal. Als in den 1990er Jahren die Historische Stadthalle grundlegend saniert und in einen brillanten Zustand versetzt wurde, waren die Planer zunächst von Kosten in Höhe von knapp 40 Millionen D-Mark ausgegangen. Ein paar Nachkalkulationen und Jahre später war die Halle restauriert, allerdings nicht für unter 40 Millionen, sondern für 84 Millionen D-Mark. Damals war das ein großer Wermutstropfen im Freudenkelch. Heute nötigen solche Kostensteigerungen selbst dem Bund der Steuerzahler meistens nur noch ein müdes Lächeln ab. Längst werden ganz andere Summen aufgerufen. Nur führt das inzwischen dazu, daß wichtige Projekte auf der Strecke zu bleiben drohen. Jüngstes Beispiel in Wuppertal ist die Sanierung des denkmalgeschützten Schauspielhauses an der Kluse. Freundlicherweise hat die Bundesregierung vor einiger Zeit beschlossen, fast 38 Millionen Euro zu den Sanierungskosten hinzuzuschießen. Weiter gut zehn Millionen Euro will das Land NRW beisteuern. Den Rest muß die Stadt bezahlen, ihr gehört das Gebäude ja auch, das vor beinahe 60 Jahren mit Glanz und Gloria eröffnet worden ist. Unter anderem waren damals Bundespräsident Heinrich Lübke und Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll zu Gast in Wuppertal.
Die große Geschichte des Hauses ist lange her, hat aber auch große Schauspieler wie Harald Leipnitz hervorgebracht. Die Brandkatastrophe am Düsseldorfer Flughafen, die nachfolgenden Schutzbestimmungen für öffentliche Gebäude und der Wuppertaler Stadtrat waren die Zäsur im Leben des Graubner-Bauwerkes. Das damalige Ja zur Sanierung des Opernhauses bedeutet bis heute ein Nein zur Instandsetzung des Schauspielhauses. Umso größer ist die Hoffnung, daß das Haus im Pina-Bausch-Zentrum eine Renaissance erlebt. Aber seit diesen Tagen ist die Hoffnung schwer getrübt. Seit eine neue Kostenschätzung für die Arbeiten gegen den Verfall die Runde macht, legen sich schwere Bedenken wie Mehltau über die Seelen der vielen Freunde des Schauspielhauses. Denn aus geschätzten Sanierungskosten in Höhe von etwa 60 Millionen Euro sind nun 97 Millionen Euro geworden. Die Mehrkosten entbinden die Stadt Wuppertal und ihre Entscheidungsträger nicht von der Pflicht, das geschichtsträchtige und denkmalgeschützte Haus in Ordnung zu bringen. Sie machen den Weg aber ungleich steiniger.
Auf der Suche nach den Ursachen für die Kostenexplosion werden denn auch reflexartig die altbekannten Gründe herangezogen. Gestiegene Arbeitskosten, gestiegene Energiekosten, gestiegene Materialkosten, gestiegene Inflation und überhaupt der Baukostenindex. Auf diesem Argumentationsteppich macht es sich die zuständige Verwaltung auch in Wuppertal inzwischen urgemütlich. Auf eines verweist sie dabei aus Selbstschutz allerdings nicht: Auf die Zeit, die untätig verstreicht und dabei die Kostenuhr erbarmungslos antreibt. Es dauert in Wuppertal schlicht zu lang, bis aus Entscheidungen Pläne und dann beispielsweise Gebäude werden. Alles, was diese Stadt plant, unterliegt diesem Phänomen. Die 7. Gesamtschule droht inzwischen mit Kosten von jenseits der 130 Millionen Euro. Bis Wuppertal loslegt, wenn überhaupt, wird sie wohl mit 170 Millionen Euro und mehr zu Buche schlagen. Und das ist nur eines von vielen Beispielen, zu denen letztlich auch wieder die Historische Stadthalle gehört. Die schöne Sandsteinfassade muß seit Jahr und Tag saniert werden. Hier ist die Kostensteigerung an der Zahl der Netze zu sehen, die abfallende Fassadenteile daran hindern, Passanten zu verletzen. Es steht zu befürchten, daß die 84 Millionen D-Mark aus den 1990-er Jahren in Euro nicht reichen, wenn die zuständigen Stellen im Wuppertaler Rathaus endlich in die Gänge gekommen sind. Auf diese Art und Weise trägt die Stadt selbst zu ihrer finanziellen Strangulierung bei oder vielmehr zu ihrem Verfall. Und das in jeder Hinsicht überforderte sogenannte Gebäudemanagement im Rathaus ist der Henker.
Es ist eine große und sehr wichtige Aufgabe für die neue Oberbürgermeisterin Miriam Scherff und für den neuen Stadtrat, diesen Gordischen Knoten zu zerschlagen. Scherffs Vorgänger ist auch an dieser Aufgabe vollmundig gescheitert.
Der Kommentar erschien am 27. Dezember in der Westdeutschen Zeitung.
Übernahme des Textes mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
Redaktion: Frank Becker
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