Kunst in der Katastrophe -
hinter Stacheldraht 1933-1945
Um „entartete Kunst“ geht es nicht. Mit dem Begriff wurde von den Nazis zeitgenössische Kunst bezeichnet, die in den „kulturellen“ Vorstellungen der Machthaber nicht entsprachen. Die Ausstellung gleichen Namens fand 1937 statt, eine großartige Schau der Moderne. Jürgen Kaumkötter geht es um Kunst und Malerei von Künstlern in den Konzentrationslagern, spricht also von Holocaust- Kunst, von einer Kunst der Katastrophe. Sensibilisiert durch Naziuntaten in der eigenen familiären Umgebung, stieß er später im Studium auf Felix Nussbaum. Über ihn kam er nach Theresienstadt und Auschwitz, sah dort im Lager Kunst, die zu ihrer Zeit nur in privatem Rahmen Wirkung entfalten konnte. Fragend nach der Verantwortung des Einzelnen auch eigener Familienangehöriger in der „Verbrechensgemeinschaft“ (Götz Aly) der Deutschen nimmt Kaumkötter Massenvernichtungskrieg, Terror gegen Zivilbevölkerung, KZ, Vernichtungslager, Massenmord in ganz Europa in den Blick und geht der Frage nach, was eingekerkerte Künstler dazu gemalt haben. Dazu sind in seinem Buch viele Zeichnungen und Gemälde aus der Welt der KZ hinterm Stacheldraht abgebildet. Von „immerwährenden Beweisstücken“ hat Daniel Liebeskind dabei gesprochen, die die Erinnerung an die industrielle Vernichtung des europäischen Judentums in den KZ dokumentieren. Wäre Felix Nussbaum so berühmt, wenn er nicht in Auschwitz inhaftiert und umgekommen wäre? Daß Kaumkötter dieser infamen Frage kunstgeschichtlich nachgeht, zeichnet sein Werk aus.
Lagerleben, Häftlinge und Lagermitarbeiter wurden in Zeichnungen und Gemälden dargestellt. Zwischen Grauen, Satire, Alltagsszenen und Genrebildern für die Aufseher im Lager wechseln Stimmung und Charakter der Werke. Kunst hatte ihren Wert im Bestechungs- und Belohnungssystem des Lagers. Nicht nur Zahngold war bei den Aufsehern begehrt. An gemalten Pferden, Hunden, Frauenakten und Porträts waren die SS-Aufseher interessiert. 1941 bis 1943 gab es sogar ein Museum im KZ für die Werke der Häftlinge, in dem Malutensilien besorgt werden konnten. Nach Befreiung durch die Rote Armee dauerte es zwei Jahre bis zur Gründung und Eröffnung des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau in Oswiecim, in welchem heute die Erinnerung an die industrielle Vernichtung des Judentums wachgehalten wird. Im Buch ist u.a. das Programm des Häftlingstreffens und der Eröffnung abgedruckt. Man sang die Hymne der polnischen Pfadfinder: „Der Deutsche wird uns nicht ins Gesicht spucken, nicht unsere Kinder germanisieren“. Tatsächlich kann Deutschland froh sein, nach den Untaten seiner Verbrechensgemeinschaft wieder unter die anständigen Nationen aufgenommen worden zu sein.
Bei der Fülle des Materials wird eine umfassende Darstellung aller Künstler nicht angestrebt. Von Frauen gemalte Bilder existieren nur wenige, da ihre Lebensbedingungen im Lager keine Kunstproduktion zuließen.
Marian Ruzamski, Peter Weiss, Peter Kien, Max Beckmann und Otto Pankok widmet Kaumkötter eigene Kapitel. Was Jürgen Serke („Die verbrannten Dichter“) für die in Deutschland 1933-45 verfolgten Dichter und Literaten geleistet hat und Albrecht Dümling („Entartete Musik“) für die zu dieser Zeit inhaftierten Musiker, hat Jürgen Kaumkötter für die Maler erbracht.
Mit dem Kapitel über das Nachkriegs-Museum Auschwitz-Birkenau wird die Geschichte der künstlerisch-malerischen Auseinandersetzung nach 1945 fortgesetzt. Die Bilder des jugendlichen Auschwitzhäftlings Yehuda Bacon und anderer und seine Aussagen im Nürnberger Auschwitzprozeß sind Spiegelungen gräßlicher Realität und von fast unerträglicher Intensität, wie sie auch die Nachkriegskunst Sigalit Landaus (geb. 1969) und die Comics Michael Kichkas (geb. 1954) bieten. Die dringend empfohlene Lektüre der Dokumentation Kaumkötters beeindruckt tief.
Die Fülle des Materials (382 Seiten) des Werkes ist im Rahmen einer Rezension nicht darstellbar. Das Buch erschien 2015 anläßlich einer Ausstellung zu diesem Thema im Deutschen Bundestag bleibt aber bis heute aktuell!
Jürgen Kaumkötter – „Der Tod hat nicht das letzte Wort“
Kunst in der Katastrophe 1933-1945
© 2015 Galiani Berlin. 1. Auflage, 382 Seiten. ISBN 978-3-86971-103-4
14,95 €
Weitere Informationen: https://www.galiani.de
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