Der Kühlschrank in der Küche

von Ernst Peter Fischer

Ernst Peter Fischer
Der Kühlschrank in der Küche
 
Was sich beim Öffnen einer Champagnerflasche beobachten läßt, nennt man fachlich korrekt eine adiabatische Expansion. Das ungewohnte Attribut hat einen griechischen Ursprung, der ein Hindurchgehen meint. Das System geht von einem Zustand in einen anderen über, ohne Wärme abzugeben, es mogelt sich also zwischen den Dingen hindurch. Im 19. Jahrhundert hatte die Physik alle Hände und Köpfe voll zu tun, um diesen Prozeß zu verstehen. Hier reicht, daß es ihn gibt und es mit ihm gelingt, Gase abzukühlen, wenn man sie erst komprimiert und sich dann ausdehnen läßt. Im späten 19. Jahrhundert konnte das von Carl von Linde genutzt werden, um die traditionellen Eisschränke mit ihren Eisstangen durch moderne Kühlschränke mit ihren Kühlsystemen und bald sogar mit Kühlfächern zu ersetzen. Kalt aufbewahren wollten die Menschen ihre Lebensmittel schon immer, und zwar wegen der längeren Haltbarkeit, die mit niedrigen Temperaturen einhergeht. Einer der Pioniere der Wissenschaft, der Brite Francis Bacon, hat sich erst schwer erkältet und dann sogar den Tod geholt, als er die Kühlfähigkeiten von Schnee in seinem Garten systematisch erkunden wollte und meinte, auch in der Nacht Messungen vornehmen zu müssen.
    Seit man Luft erst zusammenpressen und dann freilassen kann, stehen Küchen in der zivilisierten Welt Kühlschränke zur Verfügung, was weitere Fragen zu stellen erlaubt. Die erste soll ohne Antwort bleiben, obwohl sie nicht nur spaßeshalber wissen will, wie man sicher sein kann, daß das Licht im Kühlschrank aus ist, wenn die Tür zu ist. Die zweite fragt, ob es in der Küche kälter wird, wenn man die Kühlschranktür offen läßt. Die dritte wundert sich, warum die Tür besonders schwer auf geht, wenn man sie unmittelbar wieder öffnen will, nachdem man sie geschlossen hatte.
    Was die offene Kühlschranktüre angeht, so strömt zwar ein Wenig der kalten Luft von innen nach außen, aber zugleich muß der Kompressor, der die Luft zusammendrückt, bevor sie sich ausdehnen und die erwünschte Kälte produzieren kann, mehr arbeiten. Dabei entsteht Hitze, wie man es von Maschinen kennt. Die Küche wird wärmer, wenn in ihr ein Kühlschrank brummt, und das wird eher schlimmer, wenn man dessen Tür offen läßt. Hinter diesem Phänomen stecken grundlegende Erkenntnisse der Thermodynamik, die auch erklären können, was passiert, wenn man den Kühlschrank erst schließt und danach sofort wieder öffnen will. In dieser Situation kühlt sich die eingeströmte Küchenluft innen rasch ab, was einen Unterdruck zur Folge hat. Dies bedingt eine Kraftwirkung auf die Tür, die jemand festzuhalten scheint, wenn sie erneut geöffnet werden soll. Man muß dies dann mit einem Ruck tun.
    Ist ein Kühlschrank offen, zeigt der Blick in sein Inneres gewöhnlich mehrere Fächer, die von oben bis unten leicht unterschiedliche Temperaturen aufweisen, da kalte Luft etwas dichter (schwerer) ist und die Tendenz zeigt, abzusinken. Lebensmittel, die schnell verderben können, sollten daher im untersten Fach liegen und länger haltbare weiter oben. Gewöhnlich ist es im hinteren Teil einer jeden Ebene am kältesten. Bekannt dürfte die Empfehlung sein, im Kühlschrank keine Speisereste abzustellen, solange sie noch warm sind. Sie bringen dann die Verteilung der Temperaturen im Gerät durcheinander und erhöhen zudem den Stromverbrauch.
Aufmerksamen Nutzern von Kühlschränken, vor allem solchen, die im Sommer ihren Garten pflegen, fällt auf, daß Gemüsesorten wie Zwiebeln und Karotten in der dunklen Kälte weiterwachsen. Doch taten sie das nicht zuvor auch schon, nämlich unter der Erde, wo es auch kühl ist? Nichts Neues also im Kühlschrank. Verständlicher wird der Vorgang vielleicht, wenn man sich bewußt macht, daß Gemüsesorten danach selektioniert worden sind, raue Bedingungen zu überstehen, und sie sich eigens Knollen angelegt haben, um darin Energie und Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf zu speichern. Wenn sie im Dunkel damit aussprießen, machen sie sich eigentlich auf die Suche nach dem Licht. Vielleicht macht jemand die Türe auf.
 
 
aus: „Warum funkeln die Sterne?“
Die Wunder der Welt wissenschaftlich erklärt
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Veröffentlichung in den Musenblättern mit freundlicher Erlaubnis des Autors.