Grenzenlos!

Der internationale Frauenchor unter Hayat Chaoui und das Ensemble Ufermann mit Liedern und Geschichten - ein Fest wie Weihnachten.

von Johannes Vesper

Foto © Karl-Heinz Krauskopf

Grenzenlos!
 
Lieder und Geschichten - wie Weihnachten
 
Das war ein Konzertereignis der Sonderklasse: Am 6. Januar 2026 standen achtzig Frauen aus 20 Ländern auf der der Bühne des Großen Saales der Historischen Stadthalle und sangen in 30 Sprachen ihrer Herkunftsländer zusammen mit der Formation Ufermann ein Konzert. Das ist tatsächlich wie Weihnachten. In diesem Chor gibt es wie überhaupt in der Musik kein Gegeneinander sondern nur ein Miteinander. Daniel Barenboim ist wie Hayat Chaoui davon überzeugt, daß diese Maxime für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in heutigen Zeiten auch in Wuppertal von großer Bedeutung ist. Sie hat den Chor 2016 als eine Maßnahme des Wuppertaler Jobcenters gegründet. Schon bald übernahm die Bergische Musikschule die Trägerschaft des besonderen Projekts. Sie sammelt seitdem Frauen aus Asien, Afrika, Lateinamerika und arabischen Ländern um sich, die wegen Krieg, Verfolgung und Hunger ihre Heimat verlassen mußten und jetzt hier in Wuppertal leben. Alle diese Frauen bringen Lieder, Rhythmus und Musik in diesen interkulturellen Chor ein. Soziale, nationale, kulturelle Unterschiede verschwinden beim gemeinsamen Singen. Und mit den großen menschlichen Themen Hoffnung, Liebe, Trauer und Freude muß man überall in der Welt fertig werden. Inzwischen ist aus dem Chor ein interkulturelles Chorbuch hervorgegangen, welches mit dem Deutschen Musikeditionspreis ausgezeichnet worden ist. Der Chor strahlt inzwischen aus: er hat schon in Hamburg zusammen mit dem „Chor der Welt“ der Elbphilharmonie gesungen, ist beim internationalen Chorfest in Marrakesch, in der Kölner Philharmonie aufgetreten und wird in diesem Jahr nach England in die Wuppertaler Patenstadt South Tyneside fahren.
 

Julia Berg begrüßt das Publikum im ausverkauften Großen Saal der Historischen Stadthalle - Foto © Karl-Heinz Krauskopf

Jetzt aber zum Konzert. Prachtvoll bunt kamen die Frauen auf die Bühne und Hayat Chaoui eröffnete das Konzert mit „Es kommt ein Schiff geladen“, intensiv und mitatmend begleitet von den Jazzinstrumentalisten. Der Frauenchor öffnete mit einem herzlichen Salamaleikum- Frieden seit mit dir die Herzen des Publikums im ausverkauften Saal. Julia Berg, die neue Leiterin der Bergischen Musikschule kam auf die Bühne, erläuterte die musikalische Weltreise, die heute unternommen werden würde, und äußerte den Stolz der Musikschule auf ihr großes und bedeutsames Ensemble. Das türkische Liebeslied Katibim wurde auf Türkisch, bosnisch, griechisch und arabisch gesungen. Carol of the Bells, das inzwischen weltberühmte ukrainische Neujahrslied berührte durch Rhythmus und Temperament. Zwischen Liedern und Gospels wurden Texte einzelner Sängerinnen gelesen, in welchen die bewegenden Geschichten ihrer Flucht aus Syrien, dem Iran, der Krim, aus Kasachstan berichtet wurde. 


vorne links: Jörg Dausend (dr), Erhard Ufermann (keys), Harald Eller (b) / rechts: Hayat Chaoui (voc) - Foto © Karl-Heinz Krauskopf 

Dabei wurde deutlich, welche Schicksale nach Europa Geflüchtete erlebt haben und wie außerordentlich dankbar sie für diesen Chor sind, der ihnen Heimat und Großfamilie ersetzt. Ja, auch als Maria durch ein Dornwald ging…. haben zuletzt die „Dornen Rosengetragen. Zu Herzen ging auch die Geschichte einer Inderin, die von ihrer indischen Familie zur Adoption frei gegeben wurde und im Odenwald groß geworden worden ist, letztlich aber auf einer Reise nach Indien ihre Familie dort wiedergefunden hat. Die Autorinnen bedankten sich bei den Leserinnen ihrer Geschichte jeweils mit einer Umarmung. Hayat Chaoui dirigierte nicht nur den Chor von vorne und von der Seite, sondern beeindruckte mehrfach durch ihren Sologesang, z. b. mit Ya Mariam, einem Marienlied aus dem Libanon, oder mit Stella splendens aus dem 14. Jahrhundert. Temperamentvoll, sauber, bewegt und bewegend, mitreißend sangen die Frauen Lieder der Welt. Besonders beeindruckten der Gospel aus Kenia oder das mexikanische La Sanduga, bei welchem sich indigene und spanische Musik mischen und die Solistin ihre wunderschöne Tracht im Takt schwingen ließ. Bajuscki baju, das russische Wiegenlied, wurde von fünf Frauen aus Polen, Ukraine und Russland auf Russisch gesungen, während der Chor auf Deutsch sang und die Band einfühlsam begleitete.

An dem Abend wurde deutlich, daß Erhard Ufermann schon vor rund vierzig Jahren mit dem Komponieren und Konzipieren für eine solche Besetzung angefangen hat und wie umfangreich, interessant und lebendig sein Werk aus vielen Jahrzehnten immer wieder herüberkommt. Dieter Nett (Klarinette und Saxophon) hat viele der Lieder arrangiert und auch selbst mit Hayat Chaoui im Duett gesungen. Zur Ufermann Formation gehören weiter Jörg Dausend (Schlagzeug), Harald Eller (Kontrabaß) und Klaus Bernatzki (Saxophon). Texte und Bilder zu den Liedern (Erdkugel, Mond) wurden auf eine große Leinwand über die Bühne projiziert und das Publikum ließ sich begeistern. Beim italienischen Bella ciao, welches ursprünglich von italienischen Partisanen im 2. Weltkrieg, seitdem von Antifaschisten, Sozialdemokraten, Anarchisten und von den „Women of Wuppertal“ so hinreißend gesungen wird, stimmte auch das Publikum mit ein. Ja, hier singen Frauen zu Weihnachten und zu Neujahr laut, mit Lust an der Musik und man hört ihnen zu. In ihrer Heimat durften sie den Mund nicht aufmachen und niemand hörte sie an. Das ist in Wuppertal anders und diese Frauen haben ihren Weg hierher gefunden. Auch bei Dona nobis Pacem stimmte das Publikum mit ein, was hoffen läßt in diesen schlimmen Zeiten. Nach Der Mond ist aufgegangen gab es frenetischen Applaus und stehende Ovationen für die Sängerinnen und Musiker, insbesondere für die wunderbare Hayat Chaoui und Erhard Ufermann. Dieses große Konzert zum 10jährigen Jubiläum steht wie der interkulturelle Frauenchor für die Offenheit, Diversität und den kulturellen Reichtum Wuppertals.


Julia Berg überreicht den musikalischen Leitern Hayat Chaoui und Erhard Ufermann ein Dankeschön - Foto © Karl-Heinz Krauskopf

 
Im Übrigen: wer den Chor unterstützen will z.B. für die geplante Reise nach England, kann dies gerne 
über den Förderverein der Bergischen Musikschule tun Konto IBAN: DE66 3305 0000 0000 57791.
 
Die Fotografien stellte uns dankenswerterweise Karl-Heinz Krauskopf zur Verfügung.