… „Krähen werden aus dem Nebel schrein,
Schweigen, Schweigen, Schweigen“ …
Die Reise eines Lebens
Eine Heimat hatte sie am Ende keine mehr. Es geht um die wohl berühmteste und erfolgreichste deutsche Dichterin. Sie wurde im Romanischen Café zu Berlin noch durch literarische Welt der 20er Jahre geprägt. Dort war sie zu Hause, hat gesprochen, diskutiert, sich ausgetauscht mit den Intellektuellen der Zeit, u.a. mit Erich Kästner, Else Lasker-Schüler, Hermann Kesten. Sie emigrierte in die USA und kehrte am letzten Tage des Jahres 1955 mit dem Schiff von New York aus in ihr Heimatland Deutschland zu einem Besuch zurück.
Mascha Kaléko (geb. 1907) stammte zwar aus Chrzanow in Galizien, von wo aus die Familie in der Furcht vor antisemitischen Pogromen geflohen ist, kam aber über Frankfurt und Marburg mit elf Jahren nach Berlin. Die Stadt wurde ihre Heimat, sie begann zu dichten und wurde in der literarischen Szene Berlins bekannt und berühmt. Ihre Gedichte wurden publiziert in den Zeitungen und Illustrierten. Und eines Tages suchte Franz Hessel, der berühmte Cheflektor des Rowohlt Verlages ihren Kontakt. Er wollte einen ersten Gedichtband mit ihr machen. „Das lyrische Stenogramm“ erschien 1933 und ein Jahr später ein zweiter, „Ein kleines Lesebuch für Große“. Über das lyrische Stenogrammheft schrieb ihr Martin Heidegger später, „daß Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben“. 1935 verliebte sie sich in Chemjo Vinaver, da war sie schon sieben Jahre mit Saul Kaleko verheiratet, mit dem sie eigentlich nach Palästina ausreisen wollte. Aber da kam 1936, heimlich gezeugt, Evjatar Alexander Kaleko auf die Welt und Saul galt fälschlicherweise als sein Vater, der aber endlich in die Scheidung einwilligte. Im Sommer 1938 wollen sie in die USA ausreisen. Zwar waren ihre Bücher am 10. Mai 1933 nicht öffentlich verbrannt worden, aber der Vorsitzende der Reichsschrifttumskammer Hanns Johst hatte Rowohlt geschrieben, daß ihre Bücher zu dem „schädlichen und unerwünschten Schrifttum“ gehören. Auch der Druck auf die Juden hatte systematisch weiter zugenommen. Chemjo hatte zwar noch die Erstaufführung der Oper „Die Chaluzim“ von Jacob Weintraub dirigieren können, dann haben sie aber, kurz bevor sie ihre Pässe hätten abgeben müssen, Berlin verlassen.
Obwohl Chemjo in New York als Jüdischer Musiker Erfolg hatte, fühlten sie sich im Exil alles andere als wohl und Mascha kam das Dichten erst einmal abhanden. Sie träumte von einer Rückkehr nach Berlin. Später werden ihre Gedichte nicht mehr von Menschenliebe und Humor handeln, sondern von Verzweiflung und Trauer. „Der Tag, da sie Euch ans Hakenkreuz schlagen / Da wird nicht eine Seele um Euch klagen“ dichtete sie im März 1943 für die Häftlinge in Majdanek und Buchenwald. 1945 -inzwischen ist amerikanische Staatsbürgerin - erscheint ein Gedichtband von ihr in einem kleinen deutschen Verlag in Cambridge, Mass.: „Verse für Zeitgenossen“.
Volker Weidermann, der ja als Literat alles andere als unbekannt ist, hat gut recherchierte Romane u.a. über Oostende und die Räterepublik in München geschrieben Mit diesem Roman über Mascha Kaleko konzentriert er sich im Wesentlichen auf ihre Reise nach Deutschland im Jahre 1956, auf ihren Versuch literarisch in Deutschland wieder Fuß zu fassen, anzuknüpfen an ihre Erfolge vor dem Krieg und nach ihrem Exil in den USA. Aber Deutschland und Berlin blieb für sie janusköpfig: einerseits der Sehnsuchtsort der 20er Jahre, anderseits ist sie erschüttert „Die Leute sind. verroht und entweder servil und voll von kriechender Demut oder nazibrutal“. 1959 war sie von der Akademie der Künste in Berlin für denFontane-Preis nominiert worden, den sie abgelehnt hat, weil sie den Preis nicht von Egon Holthusen, einem ehemaligen SS-Angehörigen entgegennehmen mochte. Mit dem westdeutschen Literaturbetrieb von Grass, Rühmkorf, Heißenbüttel konnte sie nichts anfangen. Die literarische und intellektuelle Welt ihre Jugend war ihr abhandengekommen. Sie faßte in Deutschland nicht mehr Fuß, reiste mit ihrem Mann nach Jerusalem, wo sie auch nicht glücklich wurde. Sie starb 1975 in Zürich auf der Rückreise vom letzten Besuch in Berlin.
Die Tiefe der Recherche für diesen biografischen Roman spürt man schon beim Lesen. Sie wird noch deutlicher im Kapitel „Danksagung“. Vielschichtig wird die intellektuelle Situation das Problem der nach wie vor tonangebenden Nazis im Deutschland der Fünfziger Jahre geschildert.
Volker Weidermann – „Wenn ich eine Wolke wär…“
© 2025 Verlag Kiepenheuer & Witsch, 235 Seiten, gebunden - ISBN 978-3-462-00863-0
23,- €
Weitere Informationen: https://www.kiwi-verlag.de
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