Nichts als Verlierer

Wuppertaler Meinung

von Lothar Leuschen​

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Wuppertaler Meinung
 
Nichts als Verlierer
 
Von Lothar Leuschen
 
Mitleid verbietet sich. Wahlbeamte wissen um die Gefahr des Scheiterns. Und Matthias Nocke hat entschieden, das Risiko am vergangenen Montag einzugehen. Er ist gescheitert, zum Teil sicher an sich selbst, an der Fehleinschätzung, das Rathaus als Oberbürgermeister erobern zu können, an seiner Dünnhäutigkeit. Vor allem aber ist er an seiner eigenen CDU, an der SPD-Fraktion und am kleinkarierten Scharmützel gescheitert, das sich beide Parteien und Fraktionen seit Wochen liefern. Von Kooperation im Sinne Wuppertals war nach der Kommunalwahl und der Inthronisierung der Sozialdemokratin Miriam Scherff als erste hauptamtliche Frau an der Spitze des Rathauses die Rede. Inhalte hat das Gerede bis heute nicht. Dafür aber reichlich Tricksereien, in denen es letztlich nur um Macht und Einfluß geht. Auf diese Weise hat der Stadtrat am Montag neben Nocke noch einige weitere Verlierer erzeugt.
 
Da wäre zunächst die CDU-Fraktion. Deren neue Spitze, Anja Vesper und Michael Wessel, war offenbar nicht in der Lage, ihren Dezernenten zur Bedingung dafür zu machen, daß es überhaupt eine Kooperation mit der SPD geben kann. Die Aussagen nach der Nichtwahl legen allerdings auch nahe, daß Vesper und Wessel den Parteifreund Nocke gar nicht mehr im Verwaltungsvorstand sehen wollten. Nocke hat die Arbeit der CDU-Fraktion immer kritisch und damit oft unbequem begleitet. Nun ist die CDU zunächst nur noch mit Gunnar Ohrndorf, dem Beigeordneten für Stadtentwicklung, an der Rathausspitze vertreten. Allzu viel Information und Zusammenarbeit sollte sie sich davon nicht versprechen. Ohrndorf ist ein Pendler und an zwei Tagen in der Woche gar nicht im Rathaus. Homeoffice. Das Interesse am Wuppertal ist anscheinend klein dosiert.
 
Verloren hat auch die SPD-Fraktion. Denn jeder, der sich halbwegs sicher im Zahlenraum bis zehn bewegt, wird erkennen, daß Fraktionschef Benjamin Thunecke nicht die Wahrheit gesagt hat, als er „davon ausging“, daß seine Fraktion Nocke einstimmig unterstützt habe. Derlei Albernheiten sind politisch amateurhaft, schaffen Mißtrauen und bilden keine Basis für ein vernünftiges Miteinander - auch jenseits der CDU nicht.
 
Noch schwerer wiegt der Verlust für Oberbürgermeisterin Miriam Scherff. Sie will sich für die Wiederwahl Nockes eingesetzt haben. Scherff weiß, daß es nützlich ist, wenn sich wenigstens ein Beigeordneter im Verwaltungsvorstand in der Stadt auskennt und daß auch für die Kultur in Wuppertal herausfordernde Projekte ins Haus stehen. Fast ausschließlich mit Einpendlern im Verwaltungsvorstand ist es aber schwer, Kommunalpolitik zu machen, die sich an den real empfundenen Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger orientiert. Auf den Autobahnen an den Niederrhein, nach Dortmund, Unna oder Dinslaken gibt es dazu vermutlich keine Erkenntnisse. Obendrein stellt sich die Frage, wie es nach diesem Gebaren von CDU und SPD im Stadtrat überhaupt noch eine verläßliche, zielführende Zusammenarbeit über die Partei- und Fraktionsgrenzen hinaus geben kann. Schaffen es die demokratischen Ratsleute nicht doch noch, sich zusammenzureißen, dann verliert auch ganz Wuppertal. Denn dann wird nichts aus dem Plan, den OB Scherff für ihre Stadt verfolgen will und dem sehr viele Bürgerinnen und Bürger sicher an vielen Stellen zustimmen können. Das heißt, weitere fünf Jahre Stillstand, weitere fünf Jahre schleichender Abstieg. Wer kann das wollen?
 
Wo es so viele Verlierer gibt, muß es irgendwo doch auch einen Gewinner geben. Und tatsächlich sollen in einem Haus in Haan am Montagabend Sektkorken geknallt haben. Denn dort wohnt der von Uwe Schneidewind hinauskomplimentierte ehemalige Wuppertaler Kämmerer und gescheiterte CDU-Chef Johannes Slawig. Der hatte seinem Parteifreund nach der verkorksten Kommunalwahl öffentlich nur das Schlechteste gewünscht.
 

Der Kommentar erschien am 31. Januar in der Westdeutschen Zeitung.
Übernahme des Textes mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
 Redaktion: Frank Becker