Unsere Berichterstattung (WZP 42) zur Endlagerung schlug hohe Wellen. Unter den vielen Zuschriften war besonders bemerkenswert die der Bereichsleiterin Kommunikation der „Bundesgesellschaft für Endlagerung“, die sich für die interessanten Hinweise der WZP bedankte. Das Thema „Endlagerung“ scheint viele auch persönlich zu berühren, im Maischberger-Lanz-Jargon: „Das macht was mit den Menschen“. Daher möchten wir dem Diskurs einen neuen Anstoß geben: Was kommt nach der Endlagerung?
Kommt jetzt die Reerdigung? Der durch die WZP ausgelöste Endlagerungs-Diskurs hatte gerade volle Fahrt aufgenommen, da klang es aus der deutschen Presselandschaft: „Kommt jetzt die Reerdigung“? Die Bestatterverbände aus NRW und Rheinland-Pfalz forderten die Aufhebung der gesetzlichen Friedhofspflicht und ein „liberalisiertes“ Bestattungsrecht. Gerne wird in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, die Niederlande seien uns auch da wieder weit voraus; wie schon bei den Regelungen zum Drogenkonsum oder zum kommerziell begleiteten Suizid.
Ob es See-, Wald oder Flußbestattung betrifft, zum Beispiel das Entleeren von Urnen in Flüsse oder in wehrlose Tannenschonungen, ob es um anonymes Verstreuen von Brandrückständen in der Garageneinfahrt des Nachbarn oder die Weiterverarbeitung von Ascheresten zu würdevollen Erinnerungsstücken geht, was ja im hochpreisigen Bereich durchaus Diamanten sein können, kurzum: Wenn da nicht bald was passiere, sei Deutschland auch beim „Reerdigen“ endgültig „abgehängt“. „Reerdigung“ bedeutet: Die Corpora der Verstorbenen werden in einen sogenannten „Kocon“, sprich in eine Kiste gestopft, ein bißchen Chemie wird dazugegeben, dann das Gerät luftdicht verschlossen und nach 40 Tagen hat sich eine Masse gebildet, die, so bestätigt angeblich ein Pilotprojekt in Schleswig-Holstein, die „Eigenschaften von Humus“ aufweist. Der Geschäftsführer der „Stiftung Reerdigung“, einer Einrichtung, die an Originalität die „Bundesgesellschaft für Endlagerung“ weit übertrifft, zeigt sich begeistert von dieser „ressourcenschonenden und naturnahen“ Bestattungsform. Die „Totenwürde“ bleibe dabei selbstverständlich voll und ganz erhalten. Da sind insbesondere Geschäftsführer von Stiftungen aller Art kompetent. Der für die Entsorgung Verstorbener zuständige Beauftragte der Evangelischen Kirche bestätigte ebenfalls ein wachsendes Interesse an „pflegefreien Wahlgemeinschaftsgräbern und Kolumbarien“. Den Abschied vom Pflegen der Gräber unserer Nächsten als Fortschritt zu begreifen, spiegelt das besondere Verhältnis der inzwischen hochgradig pflegefreien evangelischen Kirche zur Spiritualität klar und deutlich wider. Es darf vermutet werden, daß es sich bei der Klientel, die von den Bestatterfunktionären anvisiert wird, um jene kultivierten Menschen Leute handelt, die einen Weihnachtsbaum aus folkloristischen Gründen Ende November aufstellen, weil die Kinder erstens sowieso nicht weiter und ferner nicht wissen, daß es einen Advent gibt. Weshalb man das entschmückte Gehölz am zweiten Weihnachtstag aus dem Fenster knutet, um sich dem ökologisch vorgeschriebenen Entsorgungsrhythmus der städtischen Müllwerkerer und Müllwerkerienen nachhaltig anzupassen. Bei der katholischen Konkurrenz hingegen entspricht die Zahl „40“ einer alten 40-Tage-Tradition. Hier beginnt die Weihnachtszeit erst mit dem Weihnachtsfest, dessen Datum auch gefestigt Gottlose daran erkennen können, daß der Weihnachtsmarkt endlich geschlossen hat. Sie dauert 40 Tage bis zum 2. Februar, oder auch bis „Mariä Lichtmeß“; (müssen Sie nicht wissen). Nebenbei: Auch die Fastenzeit dauert katholischerseits, beginnend mit dem Abklingen des Alkoholabusus an Aschermittwoch, satte 40 Tage, und die Zeit von Ostern bis Christi Himmelfahrt nochmal 40 Tage. Was man in dieser Zeit trinken soll, muß allerdings noch auf einem dazu einzuberufenden Konzil entschieden werden. Das ist ja leider schon in Nicäa nicht geklärt worden, weil Konstantin die Getränkefrage von der Tagesordnung genommen hatte. Was Luther sich dann später zunutze machte und gesoffen hat wie ein Pferd. Es ist kein Wunder, daß dieser Konflikt in ein Schisma hineinführte, an dem auch das Konzil von Konstanz nichts mehr ändern konnte. Ich fasse zusammen: Man kann das kulturelle Niveau einer Gesellschaft daran erkennen, wie sie mit ihren Verstorbenen umgeht.
aus: WZP 43 - Die Westzipfel-Postille hart an der Grenze – Ausgabe Ende Januar 2026 © Wendelin Haverkamp
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