Ein Mann vergiftet die Welt
Die Epstein-Akten und ihre Wirkung
Von Lothar Leuschen
Es hört nicht auf. Auch wenn die US-amerikanische Justiz nach eigenem Bekunden mangels Masse keine weiteren Akten über den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein veröffentlichen will, werden die Untaten dieses Mannes und seiner Kumpane die Öffentlichkeit noch lange beschäftigen. Das hat in erster Linie mit der kriminellen Energie zu tun, mit der dieser teuflische Mensch junge Mädchen mißbraucht hat und mißbrauchen ließ. Es hat mit der ungebremsten Rücksichtslosigkeit zu tun, mit der Epstein seine „Freunde“ vernetzte, um sie auszunutzen und um dazu beizutragen, dass sie sich gegenseitig nutzen könnten. Gefälligkeiten hier, Geld da – und immer auch Mädchen, deren Seelen die Männer um Epstein zerstörten.
Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, entfalten die Epstein-Files noch weitere zerstörerische Kraft. Sie entlarven weithin respektierte Persönlichkeiten als korrupte Speichellecker, die auch vor sexuellem Missbrauch nicht haltmachten. Und sie stürzen Machtkonstruktionen in existenzbedrohende Probleme. Großbritanniens Regierung stürzt in eine Krise, das Königshaus nimmt offiziell Stellung zu den Missetaten ihres Ex-Prinzen Andrew. Der Druck ist immens. Das gilt auch für die norwegische Monarchie, deren Kronprinzessin Mette-Marit im Fall Epstein eine unrühmliche Rolle spielt.
Fast das Schlimmste ist aber, was Epstein und seine internationale Bande mit dem Vertrauen anrichten, das Menschen in aller Welt grundsätzlich immer noch in nationale und internationale Führungskräfte haben. Es ist erschüttert, es nimmt vermutlich irreparablen Schaden dadurch, daß die Akten den Eindruck erwecken, daß eine internationale Clique unangefochten über den Globus regierte. Dieser Clique sind Schicksale, Gefühle, Recht und Gesetz vollkommen egal gewesen. Daß so etwas möglich ist, löst bei vielen Menschen Ängste aus. Umso notwendiger ist es, daß die Akten unzensiert ausgewertet werden können, egal, welche Folgen das zunächst hat. Darauf muß die internationale Gemeinschaft bestehen, damit klar wird, was wahr ist und was gelogen. Geschieht das nicht, wird Jeffrey Epstein, der tote Verbrecher, die Welt weiter vergiften.
Der Kommentar erschien am 10. Februar in der Westdeutschen Zeitung.
Übernahme des Textes mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
Redaktion: Frank Becker
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