Katastrophenfilme
Ich gucke gerne spannende und handlungsstarke Katastrophenfilme à la Hollywood, die in sich etwas sehr Beruhigendes haben, verlaufen sie doch immer nach dem gleichen Muster: 1. Etwas (i.d.R. Außerirdisches) droht, die Erde zu zerstören. 2. Eine junge, hübsche Journalistin, die privat Probleme mit ihrem heroinsüchtigen Großneffen hat, kommt dahinter und informiert die Öffentlichkeit (Keiner glaubt ihr – Frau!). 3. Die Bedrohung nimmt zu. 4. „Oh, mein Gott, rufen sie den Präsidenten!“ 5. Die US-Streitkräfte retten den Planeten. 6. Bei der Rettungsaktion kommen extrem teure Computeranimationen zum Einsatz, die indische Praktikanten über Nacht programmiert haben. 7. Bei der Rettungsaktion opfert sich einer der Soldaten (Tom Cruise). 8. Die Frau des sich opfernden Soldaten steht mit dem 2jährigen Kind im Arm umgeben von ranghohen Militärs auf der Kommandobrücke und weint. 9. Einer der Militärs legt ihr väterlich die Hand auf die Schulter und sagt: „Sie können stolz sein auf ihren Mann.“ 10. Die Frau sagt nicht etwa: „Leck mich am Arsch!“, sondern dreht ihm langsam den Kopf zu und nickt bedächtig. 11. Der Präsident heiratet die Journalistin. 12. Der Kinobesucher verläßt – zielgerichtet konditioniert – den Saal mit dem Gedanken: „Wozu brauchen wir die UNO? Bei diesem Präsidenten!“ Hat was sehr beruhigendes.
Obwohl mir auch die neuen Katastrophenfilme aus den aufstrebenden lateinamerikanischen Produktionsfirmen gut gefallen. Die sind ganz anders gestrickt: 1. Etwas (i.d.R. Außerirdisches) droht, die Erde zu zerstören. 2. Eine junge, hübsche Journalistin kann leider nicht dahinter kommen, weil sie bei ihren fünf Nebenjobs als Kellnerin, Rezeptionistin, Englisch-Lehrerin, Bar-Frau und Verfassungsrichterin keine Zeit für Recherchen hat. Sie geht mit einem Bericht über die Luftverschmutzung in Lima an die Öffentlichkeit (Keiner glaubt ihr – Frau!). 3. Die Bedrohung nimmt zu. 4. „Oh, mein Gott, rufen sie den Präsidenten!“ 5. Der Präsident ist nicht da, die Streitkräfte auch nicht. Die Soldaten, die nicht im Urlaub sind, bereiten gerade einen Putsch vor oder kämpfen gegen die Soldaten eines anderen Landes um ein paar Quadratkilometer Regenwald. 6. Für die Rettungsaktion werden Guerilleros (Kolumbien) vorbereitet, die sich aber nicht auf einen Anführer (Commandante) einigen können. 7. Die Außerirdischen landen auf der Erde zerstören Nordamerika, Europa und Japan. 8. In Lateinamerika bleiben die Touristen aus. 9. Die Journalistin hat endlich Zeit, ihrer Arbeit nachzugehen. 10. Anstelle der Touristen kommen die Außerirdischen nach Lateinamerika, was aufgrund der Verhaltenskongruenz zunächst nicht weiter auffällt („Also, bei so was käm’ bei uns ja gleich das Ordnungsamt!“). 11. Die Journalistin muß wieder an die Bar und stellt sich die Sinnfrage („Dafür hab’ ich Habermas gelesen? Auf deutsch!“), während die Außerirdischen das Chaos in dem jüngst eroberten Gebiet zunehmend problematisieren („Noch nicht mal Klopapier!“). Nach drei Wochen verschwinden sie wieder. Der Planet ist gerettet. 12. Der Kinobesucher verläßt – zwar nicht zielgerichtet, aber dennoch konditioniert – den Saal mit dem Gedanken: „Wozu brauchen wir die UNO? Bei diesen Außerirdischen!“
© Josef Bordat
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