Inquisition und Antisemitismus auf der iberischen Halbinsel

Ruth Weiß - „Der Todesengel von São Tomé“

von Johannes Vesper
Kinderverschickung nach São Tomé 1492,
Inquisition und das Massaker von Batepá 1953
 
Ruth Weiß: Der Todesengel von São Tomé
 
Am Geburtshaus der Autorin in Fürth hängt inzwischen eine Gedenktafel. Geboren 1924 in Fürth, kam sie als Zwölfjährige auf der Flucht aus Nazi- Deutschland nach Südafrika, wo sie als Journalistin für deutsche Zeitungen berichtete, später als Wirtschaftsjournalistin für englische Medien u.a. auch für die Financial Times. Sie setzte sich für Freiheitsbewegungen Afrikas ein, lebte in Rhodesien, London und Köln, wo sie als Redakteurin bei der Deutschen Welle gearbeitet hat. 1982 zog sie nach Harare (Simbabwe) bildete dort Wirtschaftsjournalisten aus, arbeitete als freie Journalistin, und baute das Zimbabwe Institute for Southern Africa (ZISA) auf. 2002 bis 2015 lebte sie in Lüdinghausen, von da ab bei ihrem Sohn in Dänemark, wo sie am 5. September 2025 verstarb. In den letzten 25 Jahren ihres langen Lebens schrieb sie Romane, Kriminalromane, eine Autobiographie (Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England) war Ehrenpräsidentin des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. In der ZDF-Reihe Zeugen des Jahrhunderts wurde sie dargestellt und im Spiegel als Zeitzeugin über Antisemitismus interviewt.
 
Der hier besprochene spannende, historische Roman erschien posthum.
 
Er handelt von der Besiedlung der ursprünglich unbewohnten portugiesischen Kolonie São Tomé nach der Vertreibung der Juden aus Spanien durch die Katholischen Könige, Isabella von Kastilien und Fernando von Aragon mit ihrem Edikt von Alhambra 1492. König Johann II. von Portugal nahm viele von ihnen auf, und ihnen mit Steuern ihr Geld ab, inhaftierte ihre kleinen Kinder und sandte zweitausend jüdische oder unter Zwang getaufte Kinder nach São Tomé. Sie sollten dort Sklaven heiraten und die Insel besiedeln. Über das historische Massaker an den Juden 1506 in Lissabon wird berichtet. Die Erzählung besteht aus zwei Strängen, von denen der eine die Geschichte Juden in Portugal in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und die Besiedlung der Insel von Sao Thome betrifft. 
Im anderen Strang wird die Geschichte eines UNO-Beamten erzählt, der die Insel im 21. Jahrhundert besucht und dort in den Mord an einem Schriftsteller hereingezogen wird, dessen letztes Werk möglicherweise mit der Geschichte der Juden um 1500 zu tun hat. Von der Suche nach dem Mörder des Schriftstellers lebt die Spannung. Natürlich wird dort inzwischen auch Öl gefördert und der Fluch der Ressourcen greift auch auf die kleinen kolonialen Inseln über. Die Personen im Roman sind teilweise historisch, jedes Gespräch und jeder Gedanke derselben aber fiktiv. Vor geschichtlichem Hintergrund entwickelt sich eine fesselnde Erzählung über die grausame Geschichte der Juden, die seit der Inquisition in Europa verfolgt wurden, und ihrem Todesengel oft nicht entkommen konnten. Sie endet nach dem Batepá-Massaker mit der Auswanderung der Nachkommen von São Tomé nach Israel. Die Orientierung im Buch wird erleichtert, indem Akteurinnen und Akteure einzelnen Orten und Zeiten des Romans zugeordnet werden. Im Nachwort werden historische Aspekte von Inquisition und Antisemitismus auf der iberischen Halbinsel kurz historisch abgehandelt. Sehr empfehlenswert.
Ruth Weiß - „Der Todesengel von São Tomé
Roman,
© Verlag Edition AV Bodenburg, 1. Auflage 2025 broschiert, 353 Seiten - ISBN 978-3-86841-251-9
18,-€
 
Weitere Informationen: https://www.edition-av.de/