Velma
Ein Chandler-Klassiker in alter Frische
Es fängt alles damit an, daß Philip Marlowe zufällig in der Central Avenue zum selben Fenster vom „Florian´s“ hochschaut wie der, sagen wir mal so, etwas bemerkenswert gekleidete Hüne Moose Malloy. Von da an liegt Gewalt in der Luft, denn Malloy ist jedes Mittel recht, seine geliebte Velma Valento wiederzufinden, eine süße Rothaarige, die früher, genauer: vor acht Jahren mal in dem Schuppen gearbeitet hat, bevor Moose wegen eines Raubüberfalls für die besagte Zeit eingefahren war.
Und plötzlich steckt der alkoholabhängige kettenrauchende Privatdetektiv Marlowe, dessen Geschäfte grade nicht so glänzend laufen in einem Fall von Raub, Erpressung, Betrug und Mord, bei dem er Inspektor Nulty von der L.A.-Polizei unter die Arme greifen soll, undurchsichtige Auftraggeber mit noch undurchsichtigeren Aufträgen an ihn herantreten und er nicht nur einmal heftige Kopfschmerzen bekommt, sei es durch Totschläger, Whisky oder Drogen.
Man fühlt sich wie stets bei Raymond Chandler gut aufgehoben, die mehr als 85 Jahre seit der ersten Auflage von „Farewell My Lovely“ haben weder der Story noch dem Stil etwas von deren Reiz abgenommen. Man bekommt, auch dank der neuen Übersetzung von Melanie Walz, was man bei Chandler-Krimis erwartet: knochentrockenen Humor, lakonische Weltbetrachtungen, rotzige Dialoge und wie immer harte Männer, schöne Frauen und korrupte Cops. Hardboiled vom Feinsten also. Und nicht zu vergessen: die eine oder andere Leiche. Ein Segen, daß es auch gute Polizisten wie Lieutenant Randall gibt.
Es ist das reine Schmöker-Vergnügen, Chandler auf Marlowes eigenwilligen Wegen zu folgen, seine grandiosen Charakterisierungen der Figuren und Beschreibungen der Örtlichkeiten zu genießen und die Engel oder Teufel in der Gestalt seiner Protagonistinnen kennenzulernen („Sie hatte ein hübsches, lebhaftes Gesicht mit großen Augen. Ein Gesicht mit zarten Knochen, so zierlich wie eine Cremona-Geige.“ – oder: „… und ihre lapislazuliblauen Augen sehr blau. Ihre Haare hatten den Goldton alter Gemälde und waren ein wenig zerzaust, aber nicht zu viel. Sie hatte eine Figur, an der es nichts zu verbessern gab.“). Melanie Walz spielt geschickt mit Chandlers Hardboiled-Prosa, kitzelt die Pointen fein heraus. Aber man bekommt bisweilen das Gefühl, daß doch ein Übersetzungsprogramm mit im Spiel war, wie sonst könnten wiederholt Sprachschnitzer in Gestalt von wörtlichen Übersetzungen von z.B. „found on him“ auftauchen wie „auf ihm gefunden“ anstatt „bei ihm“. Aber abgesehen von solch marginalen Auffälligkeiten läßt dieser neue alte „Marlowe“ nichts von Chandlers hinreißendem Stil vermissen. Ein Klassiker, der seine Frische bewahrt hat.
Raymond Chandler – „Lebwohl, mein Liebling“
Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz. Mit einem Nachwort von Paul Ingendaay
© 2026 Dogenes Verlag, 368 Seiten, Ganzleinen mit Schutzumschlag - ISBN: 978-3-257-07353-9
€ (D) 26,00 / sFr 35,00* / € (A) 26,80 Weitere Informationen: www.diogenes.ch
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