Die Kleinen fängt man

IOC schließt Ukrainer vom Wettbewerb aus

von Lothar Leuschen​

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Die Kleinen fängt man
 
IOC schließt Ukrainer vom Wettbewerb aus
 
Von Lothar Leuschen
 
Die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) muß jedem Sportsfreund das Herz bluten lassen. Deshalb rinnen die Tränen von IOC-Präsidentin Kristy Coventry mit großer Wahrscheinlichkeit nicht aus einem Krokodil. Es ist nun amtlich, daß Wladislaw Heraskewytsch nicht am Skeleton-Wettbewerb teilnehmen darf. Sein Helm hat ihm den Weg in den Eiskanal versperrt. Denn das IOC duldet auf Kleidung und Gerät der Olympioniken keine Botschaften. Und Heraskewytsch hat an das Leid seiner Landsleute erinnern wollen, die im Krieg den Qualen der russischen Raketen und Drohnen ausgesetzt sind. Bei klarem Verstand kann ihm das niemand verdenken. Doch beim IOC geht es nicht um gesunden Menschenverstand, sondern um Statuten. Und die schreiben dem sportlichen Wettstreit politische Neutralität vor. Zwar ist vermutlich auch die IOC-Präsidentin nicht so naiv zu glauben, daß die Großveranstaltungen unter den fünf Ringen nichts mit Politpropaganda zu tun haben. Sonst hätte das Spektakel zuletzt weder nach Rußland noch nach Peking vergeben werden dürfen. Und auch die USA sind derzeit verdächtig. Aber wenigstens die Zeit der Wettkämpfe soll frei sein von politischer Einflußnahme, von Bewertungen dessen, was die Mächtigen auf dem Globus gerade anrichten. Insofern ist es richtig, Heraskewytsch seinen Traum von Olympia zu verwehren. Traurig ist die Entscheidung dennoch.
 
Und fragwürdig ist sie auch. Denn das IOC mißt offensichtlich mit zweierlei Maß. Daß einige russische Sportler ohne Nationenkennung in Italien an den Start gehen dürfen, ist keine Verbeugung vor den Athleten, sondern die Botschaft an den Kriegstreiber Wladimir Putin, daß die sportliche Rehabilitation seines imperialistischen Regimes bevorsteht. Und auch die Entsendung von 13 Beamten der US-amerikanischen Sicherheitsbehörde ICE ist das Gegenteil von politischer Neutralität. So richtig es ist, daß das IOC seine Spiele nicht von politischen Demonstrationen beeinträchtigen lassen will, so sehr drängt sich um den jungen Ukrainer der Verdacht auf, daß das Komitee die Großen laufen läßt und nur die Kleinen fängt.
 
Der Kommentar erschien am 13. Februar in der Westdeutschen Zeitung.
Übernahme des Textes mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
 Redaktion: Frank Becker