Im Osten ging rot die Sonne auf
Vor 50 Jahren begann die chinesische Kulturrevolution
An die chinesische „Kulturrevolution“, die ja nichts anderes war als - wörtlich zu nehmen - das vandalische Zerschlagen hergebrachter Werte aus Kultur, Sprache und Geschichte des großen China durch die von Mao Tse-tung (heute: Mao Zedong) angestifteten Roten Garden werden sich die älteren unserer Leser noch erinnern. Am 4. Mai 1966 trat der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) Mao Tse-tung, der „Große Steuermann“ die Große Proletarische Kulturrevolution los. Was folgte, war ein Jahrzehnt von der Partei gesteuerter anarchischer Verhältnisse, in deren Zeit Intellektuelle, Führungskräfte, Besitzende, Lehrerm Professoren, Funktionäre und beliebig jede(r), der den hysterischen gewalttätigen Massen nicht paßte, diffamiert, angeklagt, mißhandelt und vertrieben werden konnte.
Eigentum wurde zerschlagen oder gestohlen, Museen wurden geplündert, Kunstschätze und zahllose historische Werte zerstört oder geraubt, klassische Literatur verbrannt und traditionelle Volkslieder verbannt. Unschätzbare Kulturgüter gingen für immer verloren. Kinder mußten ihre Eltern denunzieren, und wer zu Hause kein genau vorgeschriebenes Mao-Porträt an der Wand hatte, galt als Feind der Revolution. Ehrliche Menschen, die bisher ihre Tätigkeit im Dienst des Staates und der Allgemeinheit ausgeübt hatten wurden willkürlich als „Rinderdämonen“ und „Schlangengeister“ gebrandmarkt und der öffentlichen Erniedrigung preisgegeben.
Hunderttausende, wenn nicht Millionen junger Rotgardisten zogen in einem von Mao beseelten Macht- und Missionsrausch durch das Riesenreich China und wüteten als Ankläger, Richter und Vollstrecker - Mao billigte sogar das Erschlagen von „Revisionisten“ -
Mao selbst hingegen wurde wie ein Gott verehrt und seine Zitatensammlung „Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung“ gehörte in jede Jackentasche und mußte gelesen, gelernt und fortwährend zitiert werden.
Dieser Irrsinn schwappte sogar nach Europa, besonders Deutschland über, wo an basiskommunistischen Propagada-Ständen der u.a. Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten (KPD/ML) oder dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) - beide ab 1973 - das kleine rote Buch, die sogenannte „Mao-Bibel“ feilgeboten und bei Demonstrationen gerne in der hochgereckten Hand geschwenkt wurde. Der Mao-Kult wurde so weit getrieben, daß man ein gutes Jahr lang sogar zwölf Mangos wie Gottesgeschenke verehrte, die der pakistanische Außenminister Mian Arshad Hussain 1968 Mao geschenkt und dieser sie an
Die im Jahr 1966 neun Jahre alte Bi Jun, Schülerin des bedeutendsten Gymnasiums in Peking, erlebte all das aus der Sicht eines Kindes, zunächst voller Eifer für Maos Lehren und die übereall aufgehängten Wandzeitungen, recht bald jedoch desillusioniert. Ihr Vater war Leiter der Schule und ihre Mutter arbeitete in der Verwaltung. Beide wurden diffamiert, gedemütigt, ihrer Wohnung verwiesen, mußten in die Hütte eines Eselshirten umziehen (der ihre Wohnung bekam), schließlich eingesperrt und über lange Zeit mißhandelt. Man erlebt das Geschen durch ihre zunächst nur kindlichen, aufgeregten Augen, dann aber spürt man ihre Erkenntnis des Unrechts und ihre entsetzte Ablehnung. Dieser packende Augenzeugenbericht ist ein unbedingt lesenswertes Zeitzeugnis.
Benjaporn vom Hofe – „Maos eisernes Mädchen“
© 2014/2024 Engelsdorfer Verlag, 248 Seiten, Broschur – ISBN: 978-3-95744-520-9
16,30 €
Weitere Informationen: https://www.engelsdorfer-verlag.de/
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