Irrtümer der Schlager-Rezeption aufgeklärt

Michael Behrendt – „Verhört, verkannt, vereinnahmt. 99 ½ missverstandene Songs“

von Steffi Engler
Manchmal hört man, was man will*
 
Irrtümer der Schlager-Rezeption aufgeklärt
 
 
„What Have They Done to My Song Ma“
Melanie (Safka)
 
Dieses Buch voller Schmunzler, köstlicher Irrtümer und unglaublicher Geschichten aus der Welt der Pop-Lyrik macht Spaß. Und mit dem größten Lacher von allen beginnt meine Besprechung dank eines Werbetextes des Verlages: „Die Geschichte der Pop- und Rockmusik steckt voller Missverständnisse“. Als ich das las konnte ich nicht anders als herausprusten, weil ich unmittelbar den Fernsehwerbeslogan aus meiner Kindheit für einen Artikel der Frauenhygiene im Ohr hatte: „Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse.“ (https://www.youtube.com/watch?v=zDoTlESWIOQ)
 
Aber zurück zum Buch. Der Autor, Musikjournalist Michael Behrendt, Jahrgang 1959, hat die Welt der Popmusik seit Jahrzehnten im Blick und man darf aufgrund er stirnrunzelnden Erkenntnisse in seiner augenzwinkernd fachlichen Untersuchung „Verhört, verkannt, vereinnahmt“ schließen, daß er das Thema nicht nur aus musikalischen Gründen verfolgt. Mit soviel Liebe zur Sache hat er Textzeilen und ganze Song-Texte und ihre fehlerhaften, sehr oft völlig verkehrten Auslegungen, Übersetzungen und Interpretationen untersucht, daß die 282 Seiten pure Lesefreude geworden sind. Ich zitiere hier mal den Klappentext:
„Regnet es tatsächlich nie in Kalifornien? Taugt Peter Schillings 'Major Tom' wirklich als Torhymne? Und heißt es in Bob Dylans Klassiker 'Blowin' in the Wind' vielleicht doch: 'The ants are my friends' - 'Die Ameisen sind meine Freunde'? Mit Verve führt Michael Behrendt durch die wundersame Welt der missverstandenen Songs - vom harmlos-unabsichtlichen Auf-der-Leitung-Stehen bis hin zur gezielten Songmisshandlung. Verhört, verkannt, vereinnahmt - eine Compilation zum Schmunzeln, Gruseln und Entdecken.“
 
Michael Behrendt entlarvt abstruse Verschwörungstheorien um den angeblich verschleierten Tod Paul McCartneys, er befreit jedoch das White Album der Beatles nicht von dem abstrusen Verdacht, es sei bei den gräßlichen Morden der Manson-Family an Roman Polanskis Frau Sharon Tate und ihrer Freunde in Verbindung mit dem Buch der Offenbarung des Johannes der Auslöser gewesen. Hier hatte Manson einen Klassiker vereinnahmt. Doch Behrendt  bescheinigt DAF (dem Duo Deutsch-Amerikanische Freundschaft), daß der Vorwurf neofaschistisches Gedankengut verbreitet zu haben Unfug war. Und daß Bryan Adams in Summer of ´69 nicht das Kalenderjahr sondern eine beliebte Sexualpraxis besungen habe… gehört auch in die Kategorie nahezu vorsätzlicher Irrtümer. Geradezu dreist umgekehrt verhielt es sich wohl bei Les Sucettes, das Serge Gainsbourg 1966 der 18-jährigen Schlagersängerin France Gall wortwörtlich in den Mund geschoben hat. Pfui Deibel.
Als ab 1974 aus den Musikboxen in Kneipen und den heimischen Radiolautsprechern Udo Jürgens melancholisches Lied „Griechischer Wein“ erklang, münzten es Reiseveranstalter, Musikindustrie und viele Griechenland-Fans zu einem Urlaubslied um, ohne seinen wahren Sehnsuchtscharakter als Heimwehlied zu erkennen.
 
99 ½ Songs bzw. deren Texte und ihre Außenwirkung hat Michael Behrendt kundig seziert. Die Lektüre des Buchs ist nicht nur durchweg interessant, man versteht viele (vielleicht sogar selbst) falsch verstandene Inhalte besser, unterhält sich blendend und kann anschließend sogar mitreden. Das ist doch was.

*Zitat
 
Michael Behrendt – „Verhört, verkannt, vereinnahmt. 99 ½ mißverstandene Songs“
Die überraschenden Wahrheiten hinter beliebten Rock- und Pop-Hits
Überarbeitete und ergänzte Neuausgabe 2025
© 2025 Verlag Reclam Philipp Jun., 282 Seiten, flexible Klappenbroschur, 21,5 mm x 13,5 cm, Serie Reclam Musikbibliothek  -  ISBN-13: 9783150115435
18,- €
 
Weitere Informationen:  www.reclam.de