Das Fragen nach der Wahrheit
Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein
Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die
aufrichtige Mühe, die er angewandt hat,
hinter die Wahrheit zu kommen,
macht den Wert des Menschen aus.
Gotthold Ephraim Lessing (1777)
Es ist nicht nur so, daß unterschiedliche Menschen mit der Wahrheit unterschiedliche Vorstellungen verbinden. Es gibt auch nicht nur eine, es gibt viele Arten, sich um die Wahrheit zu bemühen. Einige Fragen dazu lauten: Können Menschen die Wahrheit aufspüren und ihr gegenübertreten? Gab es Momente oder Epochen, in denen kreative Geschöpfe dazu in der Lage und der Wahrheit nahe gekommen waren? Was konnten sie in diesem Fall sehen? Und was ist in dem Augenblick in ihnen vorgegangen und danach mit ihnen passiert? Haben sie und andere Menschen den Glanz der Wahrheit ausgehalten? Waren sie bereit, ihr Leben für ihre Schönheit zu opfern? Wie gefährlich ist der Besitz der Wahrheit? Ist die von einem Menschen erkannte Wahrheit anderen zumutbar?
Die zuletzt genannte Frage geht auf die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zurück. Sie wurde 1959 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden geehrt und hat sich mit einer Rede bedankt, in der sie wundersam und kühn meinte: «Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.» Ingeborg Bachmann sprach in ihrer Rede zum einen von der Möglichkeit der Schriftsteller - sie verwendet hier das generische Maskulinum -, «die anderen zur Wahrheit zu ermutigen», und erwähnte zum Zweiten die Aufgabe genau dieser anderen, «die Wahrheit von ihm [dem Schriftsteller, zu] fordern››, um Menschen «in den Stand» zu versetzen, daß «ihnen die Augen aufgehen». «Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar», wie sie den Kriegsblinden eindringlich versicherte und womit sie dem Autor als jungem Mann einen Satz geschenkt hat, der ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen sollte. Ihm ging und geht es dabei nicht um Glaubenswahrheiten und auch nicht um die Wahrheit, die man vor einem Gericht zu sagen schwört. Ihm ging und geht es um die Einsichten der Naturforschung, die ihm immer schon mehr als nur richtig erschienen sind.
Am Ende des 20. Jahrhunderts schienen die Naturwissenschaften so viele alltagsrelevante Fortschritte gemacht zu haben, daß sich die Medien sorgten, ob ihre vielen Ergebnisse allen Menschen zugemutet werden können oder ob man vielleicht besser daran täte, Teile des Volks zu täuschen und in einem beruhigenden Irrtum verharren zu lassen. Das ist keine ganz neue Frage: Bereits im Jahr 1780 - also zu Zeiten der Aufklärung hat die Berliner Akademie der Künste diese Frage öffentlich gestellt und für ihre Beantwortung einen Preis ausgesetzt. Und tatsächlich: Wer kann denn heute mit den unentwegt einlaufenden Informationen zum bedrohlichen Klimawandel, zum beängstigenden Artensterben, zur zunehmenden Knappheit an Ressourcen und zum unerträglich wachsenden Schuldenberg vieler Nationen überhaupt noch zurechtkommen und die erstaunliche Wissensvielfalt verarbeiten und einordnen? Wer kann mit den täglich über immer mehr Kanäle und in immer bunter werdenden Bildern auf das Publikum zuströmenden Auskünften zu steigenden Erdtemperaturen, wachsenden Atomwaffenarsenalen, bedrohlich zunehmenden Flüchtlingszahlen, steigender Korruption auf höchsten Ebenen und einer in immer neuen Wellen anrollenden Pandemie noch ruhig schlafen, vor allem, wenn sich - was das letzte Beispiel angeht - die Experten weltweit einig zeigen, daß Zoonosen eher die Regel als die Ausnahme sind, daß man also in Zukunft mit weiteren Infektionskrankheiten rechnen muß, die von Tieren auf Menschen überspringen und Pandemien auslösen können? Sind diese bedrohlich und einschüchternd wirkenden Tatsachen als wissenschaftlich feststellbare Wahrheiten den Menschen wirklich zumutbar? Kein Wunder, daß sich Querdenker davon abwenden und in ihre eigene Welt zurückziehen, die sie meinen überblicken zu können.
aus: „Warum funkeln die Sterne?“
Die Wunder der Welt wissenschaftlich erklärt
© 2023 C.H. Beck
Veröffentlichung in den Musenblättern mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
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