Zu groß für Karsten Dahlem

Ein Sandmann ohne Sandmann

von Frank Becker

v.l. Konstantin Rickert, Julia Meier, Kevin Wilke - Foto © Björn Hickmann

Zu groß für Karsten Dahlem
 
Ein Sandmann ohne Sandmann
 
 
„Welch eine Kluft liegt zwischen dem,
was man will und dem, was geschieht!“
E.T.A. Hoffmann

Inszenierung: Karsten Dahlem - Regieassistenz: Tom Dockal - Bühne & Kostüme: Claudia Kalinski – Kostümassistenz: Anna Jurczak - Musik: Hajo Wiesemann - Dramaturgie: Marie-Philine Pippert - Inspizienz: Ilja Betser
Besetzung: Nathana: Julia Meier - Mutter: Silvia Munzón López - Carl: Konstantin Rickert - Lotte: Paula Püschel - Olimp: Kevin Wilke - Geige: Lydia Stettinius
Premiere: Samstag, 21. Februar 2026, um 19:30 Uhr im Opernhaus Wuppertal.
 
Ausverkaufte Premiere der Bühnenfassung Karsten Dahlems von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ des Schauspiels Wuppertal auf der großen Bühne des Opernhauses. Und was fällt mir als erstes dazu ein: Professor Galletti: „Es fängt damit an, daß am Ende der Punkt fehlt“, ein Zitat aus der berühmten Stilblütensammlung „Gallettiana“, des legendären Gothaer Gymnasialprofessors Johann Georg August Galletti, dessen „Kathederblüten“ Generationen von Lesern amüsierten.
Es geht ja hier eigentlich um Nathanael, dessen Kindheitsangst vor dem „Sandmann“ erneut aufflammt, als er dem gefürchteten Alchemisten Coppelius, in dem er den Sandmann wähnt, in der Universitätsstadt G. unversehens wiederbegegnet. Zugleich begegnet er der hinreißend gestalteten mechanischen Mädchenfigur Olimpia, zu der er in heftiger Leidenschaft entbrennt, was beides zusammen in ihm Realität und Einbildung krankhaft vermischt.
 
Weniger amüsant als Galletti und überhaupt nicht spannend oder gar gruselig unterhaltend hingegen zeigte sich die 90minütige, tja, was war es denn nun, Adaption, Kontrafaktur, Parodie, Persiflage, freie Interpretation von E.T.A. Hoffmanns wohl bekanntestem „Nachtstück“ aus der gleichnamigen romantischen Sammlung durch Karsten Dahlem, der auch die Inszenierung in die unglückliche Hand nahm.
Wobei wir wieder bei Galletti sind. Eine bedeutende Hautfigur, nämlich Coppelius/Coppola, also der Sandmann, Ursache von Nathanaels Trauma fehlt gänzlich, existiert nur marginal als an entscheidenden Stellen erwähnt. Auch Professor Spalanzani hatte Dahlem gestrichen, der die mechanische erschaffene Olimpia  als seine zärtlich verehrte Tochter angenommen hatte (wenigstens bei Hoffmann). Zwei nicht entschuldbare Eingriffe.
Und schließlich zu allem experimentellen Übel – stirbt denn das vermaledeite Regietheater einfach nicht aus, obwohl man es längst überstanden glaubte? – wird aus der verführerischen zierlichen Olimpia und ihrem gehauchten „Ach!“ ein schlaksiger Olimp (Kevin Wilke) mit tumbem „Super!“. Herrje! Die Folgen kann man sich ausmalen: Aus der männlichen Zentralfigur Nathanael wird eine Nathana (Julia Meier, die nichts dafür kann, aber brillant ist), folglich aus Nathanaels Schwester Clara ein Carl (Konstantin Rickert mit angedeuteten Poschen), aus dem Bruder Lothar eine Lotte (Paula Püschel) – nur Mama darf Mama bleiben. Silvia Munzón López gibt wie gewohnt gutes Theater. Diese Umkehrung der Figuren ist derart abgeschmackt, daß nur ein Kopfschütteln bleibt.
Ach ja, eine Geigerin (Lydia Stettinius) belebt die Szene musikalisch. Apropos, es gibt auf der chaotischen Bühne allerlei Live-Musik: Kevin Wilke (Sie wissen schon, Olimp) muß auch mal ein Turntable scratchen, Gitarre zupfen und auf dem Schlagzeug trommeln, was er gar nicht schlecht tut, und Julia Meier, darf glücklicherweise gelegentlich ans Klavier. Ihre Schlußnummer mit Chanson wäre einen eigenen Abend wert.
 
Im Text des Theaters heißt es: „Regisseur Karsten Dahlem, erstmals am Schauspiel Wuppertal, inszeniert den Stoff in einer zeitgenössischen Fassung, die Trauma, Familie, Wahrnehmung und die technischen Verheißungen unserer Gegenwart miteinander verschränkt.“ Er tut es hoffentlich nicht wieder. (Sigmund Freud sah übrigens in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ und der Angst Nathanaels vor der Erblindung [Sie wissen schon: Coppelius´ „Augen her! Augen her!“, als er Nathanael beim Lauschen erwischt] einen verdrängenden Ersatz für infantile Kastrationsangst. Die „Kinderangst, die Augen zu beschädigen“ stehe in Traum, Phantasie und Mythos für die Angst vor dem Verlust des Geschlechtsteils. Kann man auch drüber streiten.)
 
Die große Bühne war wie auch der Stoff offenbar zu groß für Karsten Dahlem. Daß man am Schluß noch ein wenig die Technik der Hebebühne und einen Schwall Rauch aus einer diabolischen Erdspalte bestaunen durfte, machte die Sache eher noch erbärmlicher. Die Kostüme waren ein Graus, das Bühnenbild, ein ewiges Chaos (s.o.), paßte dadurch allerdings zur Inszenierung.
Vom Theater empfohlen ab 15 Jahren, rate ich grundsätzlich vom Besuch ab, sofern Sie eine ansehnliche Aufführung der klassischen E.T.A. Hoffmannschen Gruselgeschichte aus den Nachtstücken erwarten.
 
„Mir geht es so wie vielen, die weit besser wissen,
wofür sie die Leute halten, als was sie eigentlich sind!“
E.T.A. Hoffmann



Violinistin, ratlos erscheinend - Lydia Stettinius - Foto © Björn Hickmann

Weitere Termine, Informationen und Eintrittskarten unter www.schauspiel-wuppertal.de/sandmann