Kränkungen
Die Wahrheiten der Wissenschaften können leicht den Eindruck von Kränkungen erwecken. Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, hat sogar von unzumutbaren Kränkungen geschrieben, als er 1917 ziemlich ungehalten auf «Eine Schwierigkeit mit der Psychoanalyse» zu sprechen kam. Freud irritierte damals, daß sich viele seiner Patienten entsetzt von seiner ihnen unzumutbar erscheinenden Idee abwandten, ihre psychischen Probleme mit unbewußten sexuellen Orientierungen zu erklären. Er reagierte darauf, indem er die eigenen Erkenntnisse kühn in eine Reihe mit Nikolaus Kopernikus und Charles Darwin stellte und behauptete, ihm sei dasselbe gelungen wie den beiden Großen der Wissenschaft, nämlich die Menschen dadurch zu kränken, daß er ihnen eine unzumutbare Wahrheit verkündete.
Kopernikus - so meinte Freud - habe die Menschen gekränkt, weil er sie aus der Mitte der Welt vertrieben und an den Rand gedrängt habe. Darwin hingegen habe die Menschen gekränkt, weil er sie vom Thron der Schöpfung gestoßen und zu einer Art unter vielen degradiert habe. Und Freud selbst meinte, den Menschen deutlich gemacht zu haben, daß sie keinesfalls Herrn im eigenen Haus seien, da ihr bewußt planendes Denken verborgen bleibenden Quellen entspringe, die unbewußt entscheiden, wie Menschen sich verhalten. Das sind Wahrheiten, wie die Wissenschaft sie verkündet, und sie kränken Menschen und können ihnen deshalb nicht zugemutet werden, ohne seelische Schäden zu hinterlassen, wie Professor Freud meinte.
Die genannten drei Kränkungen werden selbst im 21. Jahrhundert so oft wiederholt, daß es scheint, es habe sie wirklich gegeben. Tatsächlich aber könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein. Als Kopernikus die Erde aus der Mitte nahm, da rückte er die Menschen auf ihrem Planeten näher zu ihrem Gott hin, der spätestens seit Dantes Göttlicher Komödie außen also hoch oben und weit weg von der schmutzigen Mitte - seinen Platz hatte. Als Darwin seine Idee der Evolution vorstellte, ließ er den Menschen, wo er war, nämlich an der Spitze der Entwicklung, nur daß Homo sapiens diese Position nun nicht mehr einem Gott, sondern sich selbst verdankte und auch so beanspruchte. Und als Freud sich seinen Patienten zuwandte, da wußten die Menschen schon längst, daß es etwas Göttliches gibt, das ihrem Dasein Bedeutung verleiht und ihre Handlungen beeinflusst. Nur hatte sich dessen Position von außen nach innen verschoben. Gott agierte längst aus den Menschen selbst heraus und kommandierte sie nicht von oben herab.
Kurzum - erst rückten die Menschen näher an Gott heran, dann setzten sie sich an seine Stelle, und zuletzt holten sie ihn zu sich hinein. Sie können stolz auf diesen dreifachen Triumph der wissenschaftlichen Wahrheit sein, die alles andere als unzumutbar ist, wenn man sie richtig darstellt. Unzumutbar ist nur, wenn die Kopernikanische und die Darwin'sche Revolution als Kränkungen verkauft werden. Eine säkulare Gesellschaft, die weder Kopernikus noch Darwin in ihr Weltbild integriert hat, muß sich fragen lassen, was man ihr überhaupt an wissenschaftlicher Wahrheit zumuten und an Allgemeinbildung anbieten kann.
Um die Zumutbarkeit von Wahrheiten zu prüfen, soll noch einmal der Blick auf die Gene oder das Genom geworfen werden, deren Erkundung den Menschen plötzlich eher mickrig dastehen läßt. Nicht mehr Gene als ein Wurm! Wie soll das Ebenbild Gottes mit dieser Wahrheit leben? Man kann natürlich umgekehrt fragen, wie man jemals ernsthaft der Ansicht sein konnte, daß Menschsein seine besondere Qualität ausgerechnet durch eine Quantität bekommt, durch die Anzahl von Genen zum Beispiel ~ wobei daran zu erinnern ist, daß sich diese hurtigen Elemente einer Zelle gar nicht genau definieren lassen. Wenn überhaupt, dann zählt das Dynamische und flexibel Veränderliche am Genmaterial! Dementsprechend sollten die Freunde der Wahrheit eher erkunden, wie viele Kombinationen aus menschlichen DNA-Sequenzen gebildet werden können und wie der Körper den permanenten genetischen Umbau in allen Lebensstufen steuern kann, ohne dabei den Überblick zu verlieren.
aus: „Warum funkeln die Sterne?“
Die Wunder der Welt wissenschaftlich erklärt
© 2023 C.H. Beck
Veröffentlichung in den Musenblättern mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
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