Bin nur ein kleiner Schalk
Kutteldaddeldu und Konsorten
mit
Jörg Reimers
Seit mehr als 90 Jahren ist er nicht mehr, viel zu früh an der Tuberkulose gestorben, Hans Bötticher (1883–1934), der dichtende Seemann aus dem sächsischen Kaff Wurzen, der unter seinem unsterblich gewordenen Künstlernamen Joachim Ringelnatz ewige Beliebtheit genießt. Seine weise humorvollen und grotesken, heiteren und ernsten Gedichte gehören längst zum deutschen Literaturschatz wie jene von Rilke, Hesse, Busch, Kästner oder Tucholsky. Viele Sprecher haben ihm im Lauf der Jahrzehnte Reverenz erwiesen, manche ohne den gewünschten Erfolg, andere mit oder gerade durch den Glanz ihrer Stimme oder ihrer dank ihrer großen Interpretationskunst. Ich will nur einige Namhafte nennen, deren Vortrag der eine oder die andere unter Ihnen noch im Ohr hat: Günter Lüders, Willy Reichert, Heinz Reincke, Otto Sander, Harry Rowohlt, Rolf Becker oder Dirk Langer al. Nagelritz. Ihnen schloß sich am vergangenen Freitagabend der bekannte Schauspieler Jörg Reimers an.
Heute sind Ringelnatz-Lesungen auf den Kleinkunst-Bühnen zu einer Rarität geworden. Umso begeisterter kamen Neugierige und Enthusiasten, es mögen 60-70 gewesen sein, in den Wuppertaler Kulturtreff „INSEL“ (paßt ja auch irgendwie zu einem Seemann), um zu hören, wie wohl Jörg Reimers sich dem Original nähern würde. Sagen wir es gleich: man verlor in Reimers´ mit viel Kenntnis, Verstand und Einfühlungsvermögen zusammengestelltem Programm schnell das Gefühl für die Zeit, ließ sich mit den Wellen der Ringenatzschen Lyrik und Prosa nach Honolulu und Sansibar davontragen, genoß das köstliche, an brillant gesetzten Pointen, kleinen Gesten und großer Vortragskunst reiche Menü aus Seepferdchen, Pellka, Kunitzbuger Eierkuchen, Port (immerhin vier Flaschen bei Fürst Wittgenstein) und Genever mit Gilka und Rum… im Sekt.
Man erfuhr viel über Hans Böttichers schweres Leben als Seeman auf Seglern und Seelenverkäufern, seinen Weg zur Kunst und zum späten Ruhm, den auszukosten ihm a. wegen der Nazis und b. seiner Tuberkulose wegen nicht vergönnt war. Auszüge aus Böttichers autobiographischen Schriften wechselten mit Sportgedichten und Flugzeuggedanken, dem herrlich saftigen Hurengespräch am Wilberforce-Monument, bewegenden zarten Gedichten wie in seinen „Ich habe dich so lieb“ und „Zu dir“ und seinen grandiosen Balladen „Fußball – nebst Abart und Ausartungen“ und „Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu“. Jörg Reimers führte dem Publikum seinen Daddeldu mit viel Respekt vor, mit Augenzwinkern und dem angemessenen Ernst wie in „Schenken“. Das Wichtigste aber ist bei seinem Auftritt, daß es sein eigener Daddeldu ist, in den er schlüpft, ohne sich anderen anzubiedern und der spürbar das hat, was Ringelnatz hatte: den Schalk, der so viel seines Werks auszeichnet.
Das durch und durch begeisterte Publikum gab reichen Applaus, forderte Vorhang auf Vorhang und erreichte eine unerhört witzige Zugabe, bei der es laut Regieanweisung auch großartig mitmachte: „Der arme Pilmartine“ aus dem Jahr 1924. Ein herrliches Vergnügen für alle, auch den Künstler. Lange schon konnte man einen so kurzweiligen Literaturabend nicht erleben. Chapeau!
Lektüre-Tips für Zukurzgekommene
Wer nun gerne wissen möchte, was er am Freitagabend versäumt hat oder wer alles selbst noch einmal nachlesen möchte, kann das in etlichen noch erhältlichen Büchern von Joachim Ringelnatz tun:
- Die wilde Miss vom Ohio und andere ungewöhnliche Geschichten
- und auf einmal steht es neben dir – Gesammelte Gedichte
- Wie Daddeldu so durch die Wellen schifft … - Autobiographisches und Nachgelassenes
- Mein Leben bis zum Kriege
Vieles von Joachim Ringelnatz finden Sie aber auch → in den Musenblättern!
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