Sich regen bringt Segen
Die Politik akzeptiert Verlieren nicht mehr
Ein halber Prozentpunkt Unterschied sind bei etwa fünf Millionen Wählern nicht viel. Nur etwa 25 000 Frauen und Männer mehr haben sich dann für die Partei entschieden, die dann als Erste über die Ziellinie geht. So ist es am Sonntag geschehen, und gewonnen haben Cem Özdemir und die Grünen. Punkt. Eigentlich. Früher war nicht alles besser. Aber fest steht, da? niemand auf die Idee gekommen wäre, da? Erster und Zweiter sich die Regierungszeit teilen, weil die Niederlage doch so knapp gewesen ist. Heute schon. Und das ist womöglich ein Fingerzeig auf ein Kernproblem der Politik in Deutschland. Sie vermeidet es nicht nur, Verlierer zu erzeugen, sie akzeptiert nun auch keine Niederlagen mehr. Das ist der zumindest vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die anscheinend zum Ziel hat, die Herausforderungen des Lebens weg zu regulieren.
Das beginnt bei den DFB-Fußball-Kindern, die heute keinen Wettbewerbsbetrieb mehr haben, weil Vergleiche Sieger erzeugen – aber eben auch Verlierer. Das geht weiter bei den Bundesjugendspielen, die nicht mehr beurkunden dürfen, daß der eine ein besserer Sportler ist als der andere. Das Verlieren auch Ansporn sein kann, zählt nicht mehr. Und in der Schule sind Minderleistungen verpönt. Sie gelten nicht als Testat dafür, daß Kinder mehr leisten, sich anstrengen müssen, sondern als Hemmschuh für eine Karriere im Erwachsenenalter. Es kommt nicht von ungefähr, daß das Abitur im Einserbereich Standard geworden ist. Es gehen auch mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs an die Hochschule, dort ist dann allerdings mindestens jeder Dritte mit den Anforderungen überfordert.
Mehr leisten, besser sein wollen, lautet die einzige Antwort auf die Frage, wie eine Industrienation wie Deutschland wieder auf die Überholspur finden kann. Und statt den Erfolg anderer Parteien zu schnorren, sollte die CDU einfach eine Politik machen, die zu Wahlergebnissen führt, die einer Partei würdig ist, die sich Volkspartei nennt. Auch wenn das in einer Koalition anstrengend ist. Früher war nicht alles besser, selbst gemessen an der turbulenten Gegenwart nicht. Aber die Altvorderen wußten: Sich regen bringt Segen.
Der Kommentar erschien am 11. März in der Westdeutschen Zeitung.
Übernahme des Textes mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
Redaktion: Frank Becker
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