Das Geheimnis der Wahrheit
Die Wahrheit bleibt also geheimnisvoll, und das heißt, man muß sich um sie bemühen. Wer sich finden will, muß sich an die Arbeit machen und um die Wahrheit kämpfen. Diese Wendung gibt Gelegenheit, den Blick von der anvisierten Wahrheit weg hin zu den nach ihr suchenden Menschen zu werfen, denen Ingeborg Bachmann mit ihren Schriften die inneren Augen öffnen möchte. Dramatisch gefragt: Welche Wahrheit über den Menschen zeigt sich unter diesem Blickwinkel?
Eine erste Antwort ist zu Beginn des Buches versucht worden: Menschen können als die Lebewesen verstanden werden, die erst ihre Grenzen kennenlernen und dann versuchen, sie zu überwinden, wobei sie nur hoffen können, daß ihnen dieser Schritt gelingt. Will man eine zweite Antwort versuchen und im naturwissenschaftlichen Rahmen mit den Bedingungen der Evolution argumentieren, kann man sagen, daß Menschen ihre Existenz einem Überlebenskampf verdanken. Diese Wahrheit zeigt, was Homo sapiens am besten kann: kämpfen. Menschen sind Kampfnaturen, die den historischen Überlebenskampf gewonnen haben, die sich allen möglichen sportlichen Wettkämpfen stellen, die sich immer wieder auf Wahlkämpfe und Redeschlachten freuen und selbst in TV-Talkrunden die Konfrontation suchen. Zwar verkündet die Bibel: «Die Wahrheit wird euch frei machen», aber um diese Wahrheit müssen die Menschen kämpfen. Sie fällt ihnen nicht in den Schoß und erst recht nicht vom Himmel. Der fromme christliche Wunsch «Friede sei mit euch!» führt Menschen in die Irre. In Frieden leben, das hält kein Mensch aus. Im Paradies langweilen sich evolutionär gewordene Wesen zu Tode und können nur die Flucht ergreifen, was Adam und Eva ja auch getan haben. So haben sie allen anderen geholfen, aus dem Paradies des Unwissens zu entkommen, das unerträglich ist. Die Wahrheit, die Menschen frei macht, finden sie nur außerhalb des Gartens Eden.
aus: „Warum funkeln die Sterne?“
Die Wunder der Welt wissenschaftlich erklärt
© 2023 C.H. Beck
Veröffentlichung in den Musenblättern mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
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