Der Wahrheit gegenübertreten
Der große Physiker Werner Heisenberg mußte sich als Jugendlicher um 1920 entscheiden, ob er Musik oder Physik studieren sollte, und er hat die Naturwissenschaft gewählt in der Annahme, daß man dort im 20. Jahrhundert erleben könne, was zu Lebenszeiten von Mozart und Schubert in der Musik möglich war, nämlich der Wahrheit gegenüberzutreten. Heisenberg konnte solch eine kühne Sicht 1969 in seiner Autobiographie beschreiben, weil ihm genau dieser Schritt 1925 auf Helgoland gelungen war. Er war damals als Vierundzwanzigjähriger der Wahrheit persönlich gegenübergetreten, als sich vor seinen Augen in tiefer Nacht ein «Grund von merkwürdiger innerer Schönheit» auftat. Aus diesem Anblick ist die moderne Physik der Atome hervorgegangen. Als Quantenmechanik gehört sie nicht nur zu den wichtigsten philosophischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts, sondern erlaubt es Ingenieuren und Unternehmen auch, Produkte anzufertigen, die mehr als 30 Prozent der Weltwirtschaftsleistung ausmachen. Zu den traurigen Wahrheiten der Moderne zählt die Feststellung, daß weder die Philosophen noch die Historiker sich auf diese Entwicklung einlassen, was hier aber nicht weiter analysiert werden soll. Stattdessen soll berichtet werden, was das Erblicken der Wahrheit mit dem jungen Heisenberg gemacht hat, der allein in seinem Zimmer auf Helgoland saß. Er erzählt selbst, daß an Schlaf nicht zu denken war und er noch im Dunkel der Nacht sein Zimmer verließ, um einen Felsturm zu erklimmen, den es heute leider nicht mehr gibt, weil die Briten ihn im Zweiten Weltkrieg gesprengt haben. Man weiß nur, daß das Erklettern dieses Felsens selbst tagsüber riskant war, aber das störte den erregten jungen Mann jetzt in der Morgendämmerung nicht, hatte er doch Goethes West-östlichen Diwan auswendig gelernt und die «Selige Sehnsucht» im Kopf, die vom Flammentod spricht und dem Kletterer zuflüstert: «Und so lang du das nicht hast, Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.»
Wer die Wahrheit gesehen hat, ist dazu bereit. «Stirb und werde!» Heisenberg ist kein trüber Gast auf dunkler Erde. In seiner Wissenschaft wird es Tag, und der junge Mann auf Helgoland strahlt vor Glück. Die alte Physik ist tot. Es kommt die neue! Heisenberg wartet auf der Spitze des Felsturms auf den Sonnenaufgang, und dann kehrt er zurück in die Welt, der sich jetzt die vielen neuen Möglichkeiten bieten, die sie nutzen wird. Ist die Wahrheit über die Atome dem Menschen zumutbar? Heisenberg zumindest reagierte auf ihren Anblick mit Todessehnsucht. Vielleicht sollten einfachere Gemüter vorsichtiger mit dem großen Gut umgehen.
aus: „Warum funkeln die Sterne?“
Die Wunder der Welt wissenschaftlich erklärt
© 2023 C.H. Beck
Veröffentlichung in den Musenblättern mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
|

