Der alte Mann und sein Hund 45

von Erwin Grosche

Joachim Klinger pinx.
Der alte Mann und sein Hund 45
 
Der alte Mann ging mit seinem Hund spazieren. Er war nach Dörenhagen gefahren, um dort in der Nähe der Hilligen Seele einen warmen Frühlingstag zu verbringen. Hier war Platz, hier standen Kühe auf der Weide und die Dörenhagener hatten Hunde, Katzen und Hühner und waren es gewohnt, wenn ihnen das liebe Vieh um die Füße lief. Er parkte direkt vor der Kapelle und ging dann durch das kleine Wäldchen in Richtung Schloß Hamborn. Am Waldrand ließ er den Hund frei und schaute ihm nach. Nun waren sie alt geworden, er und sein Hund, auch wenn sein Vierbeiner noch deutlich schneller laufen konnte als er. Wie überrascht war er, als ihm auf dem Feldweg ein Pärchen entgegenkam, von dem die Frau eine Brille mit schwarzen Rahmen trug, die ihrem Gesicht etwas Strenges und Selbstbewußtes gab. Man spürte gleich, sie wollte ernst genommen werden und war es gewohnt zu sagen was sie dachte.
„Können sie ihren Hund nicht anleinen?“, fragte die junge Frau. Der alte Mann seufzte. Er wollte doch seinen Hund in der Wildnis nicht anleinen, auch die Kühe hatten am Sonntag keinen Zylinder auf. Der alte Mann schüttelte den Kopf. Was sollte er machen? Er erinnerte sich an einen traurigen Hundebesitzer in Altenbeken, der zum letzten Mal mit seinem Hund spazieren ging. Sei Hund war krank und hatte am nächsten Tag einen Termin beim Tierarzt, der ihn von seinem Leiden befreien sollte. Das trauriges Herrchen wollte seinem kranken Hund noch einmal die Möglichkeit geben durch die Sonne zu laufen, am Wegesrand zu schnuppern und ein Loch zu buddeln. Er wollte dem Hund noch einmal zeigen wie schön die Welt ist, wie freundlich die Menschen sind und wie eine leckere Wurst schmeckt. Er wollte ihm „Danke“ sagen für seine Treue und „Danke“ sagen für seine Liebe. An diese Geschichte dachte der alte Mann, als er seinen Hund anleinte. „Mein Hund ist alt“, sagte er zu der Frau. „Der weiß gar nicht mehr ob er angeleint ist oder nicht.“
Er wartete bis die strenge Frau etwas sagte, aber sie sagte nichts. So sah der alte Mann ihr nach, bis sie um die Ecke verschwunden war, und dann ließ den Hund wieder frei. „Ein bißchen Freiheit kann nicht schaden“, murmelte er.


© Erwin Grosche