Das kleine Gebäude im Stadtraum

Martin Topel über die erste rote Telefonzelle Großbritanniens

von Uwe Blass

Prof. Martin Topel - Foto: Sebastian Jarych
Das kleine Gebäude im Stadtraum 

Der Industrial Designer Martin Topel über die 
erste rote Telefonzelle Großbritanniens
 
1924 stellte der Londoner Architekt Sir Giles Gilbert Scott seinen Entwurf für die erste rote Telefonzelle Großbritanniens in einem Design-Wettbewerb vor, die zwei Jahre später landesweit als Modell K2 eingeführt wurde. Daraus entwickelte sich im Laufe der Jahre eine regelrechte kulturelle Ikone. Was machte das Modell so besonders?
 
Martin Topel: Die rote Telefonzelle ist ein Beispiel dafür, wie Gestaltung über ihre unmittelbare Aufgabe hinaus Bedeutung erzeugt. Sie ist gleichzeitig Gebrauchsobjekt, architektonisches Element und kulturelles Symbol. Genau diese Mehrdimensionalität macht sie bis heute relevant.
Die Telefonzelle wurde nicht wie ein technisches Gerät gedacht, sondern wie ein kleines Gebäude im Stadtraum. Ihre Proportionen, die Gliederung und das charakteristische Dach zitieren klassische Architektur. Dadurch entsteht eine ungewöhnliche Würde für ein Alltagsobjekt. Gleichzeitig ist sie klar strukturiert und sofort verständlich – das ist eine besondere Kombination. Und der Faktor Zeit, der dieses Produkt dank behutsamer Weiterentwicklung mehr als drei Generationen Teil des kollektiven Bewußtseins hat werden lassen.
 
Beim Entwurf des Dachs orientierte sich Scott an einem Mausoleum des Architekten Sir John Soane. Wie sah das denn aus?
 
 
English red K2 telephone box in Parliament Square, London
Martin Topel: Scott ließ sich von diesem Mausoleum inspirieren, das sich durch eine markante, leicht gewölbte Kuppelform auszeichnet. Dieses Dachmotiv wurde abstrahiert und auf die Telefonzelle übertragen.
Das Ergebnis ist eine charakteristische, mehrstufige Dachform mit sanft gerundeten Linien. Sie wirkt wie eine Miniatur-Kuppel und hebt sich deutlich von rein funktionalen Flachdächern ab. Gerade dieses Detail verleiht der Telefonzelle ihren architektonischen Ausdruck und trägt stark zu ihrem Wiedererkennungswert bei.
 
Bis Ende der 30er Jahre wurden mehr als 20.000 Stück aufgestellt, wobei man sich nicht immer an die leuchtendrote Farbe hielt. Warum nicht?
 
Martin Topel: In den Städten wurde ausschließlich das bekannte Rot verwendet. Diese Farbe sorgt für maximale Sichtbarkeit und schnelle Orientierung im öffentlichen Raum. Man darf nicht vergessen, daß Städte damals oft von Nebel und schlechter Sicht geprägt waren. Rot wurde hier zu einem funktionalen Gestaltungselement. Gleichzeitig hat diese konsequente Farbwahl über die Zeit eine enorme symbolische Kraft entwickelt. Aber in ländlichen Regionen konnten andere Farben gewählt werden. Dieses Farbspektrum ging von grün, gelb, weiß und grau. Außerdem wurden ab 1930 auch Polizeitelefonzellen aufgebaut, die zur Kennzeichnung in blau lackiert wurden.
 
Nach der Thronbesteigung Elisabeths II. wurde 1953 die Krone im Dach modifiziert. Es gibt also Zellen vom Typ K1 bis K8. Was hat sich denn im Laufe der Zeit an der Telefonzelle so alles verändert?
 
Martin Topel: Das erste, in großer Zahl installierte Modell, war die Version K2. Diese für die Serie überarbeite Version des Modell K1 hatte einen Grundriß von 90x90 cm, war 2,51 m hoch und wog 750 Kilogramm. Diese teure, große Version wurde zunächst mit 1.200 Einheiten ausschließlich in London aufgestellt. Ab 1929 wurde von Scott eine günstigere und wesentlich kompaktere Version entwickelt - die Version K3. Diese wurde mit 12.000 Einheiten produziert.
1936 erfolgte eine weitere Überarbeitung anläßlich des silbernen Thronjubiläums von König Georg V., die Version K6. Hiervon wurden weitere 60.000 Einheiten im gesamten Königreich aufgestellt.
Bei der Weiterentwicklung aller Varianten wurden überwiegend Verbesserungen eingebracht, die den Fertigungsaufwand und Kosten reduzierten, oder Funktionsverbesserungen, wie bessere Belüftung, einfachere Zugänglichkeit, oder größere Glasflächen für mehr Transparenz betrafen. Formal beziehen sich jedoch lediglich die Modelle K3, K4 und K6 auf den ursprünglichen, weltbekannten Entwurf.
 
Auch in Filmen verschiedener Länder dienten Telefonzellen als Drehorte und haben sich durch Klassiker wie „Fahrstuhl zum Schafott“ (1958) mit Jeanne Moreau, „Dirty Harry“ (1971) mit Clint Eastwood, „Nicht auflegen“ (2002) mit Colin Farrell oder sogar magisch, etwa in „Harry Potter und der Orden des Phönix“ (2007), in den Köpfen von Generationen von Zuschauern manifestiert. 2006 wurde die K2-Telefonzelle zu einer der zehn Designikonen Großbritanniens gewählt. So gesehen, transportiert eine kleine Telefonzelle Kultur in die Welt, oder?
 
Martin Topel: Absolut. Die Telefonzelle ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Design kulturelle Bedeutung transportieren kann. Durch ihre starke visuelle Identität wurde sie zu einem Symbol, das weit über seine ursprüngliche Funktion hinausgeht.
In Filmen, Fotografien und im Tourismus steht sie stellvertretend für Großbritannien – ähnlich wie Doppeldeckerbusse oder schwarze Taxis. Wenn ein Objekt so konsequent gestaltet und über Jahrzehnte hinweg sensibel überarbeitet wird, wird es Teil des kollektiven Gedächtnisses.
In diesem Sinne ist die Telefonzelle tatsächlich ein kultureller Botschafter.

Telefonzelle, Umnutzung - Foto © Frank Becker

In den 1990er Jahren erreichte die Zahl der Telefonzellen in Großbritannien mit rund 100.000 ihren Höhepunkt. Doch das ist lange vorbei. Handys haben ihr den Rang abgelaufen. Wie werden denn die unter Denkmalschutz stehenden Zellen heute noch genutzt?
 
Martin Topel: Heute werden viele der historischen Telefonzellen kreativ umgenutzt. Einige dienen weiterhin als Telefonstationen, doch der Großteil hat neue Funktionen erhalten. Man findet sie beispielsweise als kleine Bibliotheken, Defibrillator-Stationen, WLAN-Hotspots oder Mini-Kioske. Teilweise werden sie auch als touristische Fotokulisse bewußt erhalten.
Diese Umnutzung ist aus Designperspektive besonders interessant: Sie zeigt, daß langlebige, gut gestaltete Objekte die Fähigkeit besitzen, sich neuen Anforderungen anzupassen. Die Telefonzelle bleibt also relevant – nicht mehr als Kommunikationsinfrastruktur, sondern als kulturelles und funktionales Artefakt im öffentlichen Raum.

Bis spätestens Ende 2026 sollen alle öffentlichen Telefonzellen in Deutschland abgebaut werden. Die roten Kästen aus dem Vereinigten Königreich kann man aber sogar in einigen deutschen Städten heute finden. Z. B. hat der Ronsdorfer Heimat- und Bürgerverein im ´Ronsdorfer Carree` die Telefonzelle als Bücherzelle aufgestellt. Was verbinden Sie mit der klassischen Telefonzelle?
 
Martin Topel: Noch heute kann ich mich gut an den speziellen Geruch der deutschen Telefonzellen erinnern. Diese Mischung aus feuchtem Telefonbuch und „Technik“. Auch an den Umstand, daß ich damals alle wesentlichen Telefonnummern im Kopf hatte - unvorstellbar im Zeitalter des Smartphones.
Außerdem habe ich bei meinen Motorradreisen schon öfters Telefonzellen als Schutz vor überraschenden Wolkenbrüchen genutzt - in dieser Funktion werde ich sie sicherlich vermissen.
 
Uwe Blass
 

Professor Martin Topel ist Industrie Designer und lehrt seit 1999 als Professor an der Universität Wuppertal im Studiengang Industrial Design. Sein Lehrstuhl beschäftigt sich mit der Produktentwicklung von Investitionsgütern und Produktsystemen.