Schuldig sind fast alle
Die Verrohung des Frank Friedmaier
„Der Schnee war schmutzig“ gehört zu den frühen und erfolgreichsten Romanen des belgischen Schriftstellers Georges Simenon (1903-1989). Seine Tristesse und Düsternis ist unmittelbar mit der Zeit seines Entstehens während der Besetzung Belgiens und Frankreichs im Zweiten Weltkrieg durch die Deutschen verbunden. Mangel an allem fördert die Kriminalität, den Schwarzmarkt, die Prostitution, führt auch in den Kreisen der Unterwelt zur Kollaboration mit den Besatzern. In diesem Klima wächst in einer ungenannten Stadt Frank Friedmaier im Bordell seiner Mutter auf. Arbeitsscheu, großmäulig und verwöhnt glaubt der Achtzehnjährige, sich alles erlauben zu können, alles kaufen zu können. Nur um das zu beweisen begeht er den ersten Mord und gelangt in den Besitz einer Schußwaffe.
Wenn auch in der Graphic Novel von Bernard Yslaire (Zeichnungen) und Jean-Luc Fromental (Szenario) in Symbolen, Fahnen und Uniformen anonymisiert (bis auf eine Zeichnung Seite 43), wird doch deutlich, daß es sich um die brutale Besatzung und das Gestapo-System der deutschen Nazis handelt. So trägt Frank Friedmaier am Revers seines eleganten Mantels einen aufgenähten Stern mit der Bezeichnung „Swing“. Gleichzeitig sind Buch und Illustrationen durchaus auch auf Systeme anderer Staaten anwendbar, denken wir an die Sowjetunion jener Zeit und die Nachfolgediktatur im heutigen Rußland. Unterdrückung und Verhörmethoden ähneln sich wohl in allen Autokratien und Diktaturen.
Die grob wirkenden, jedoch fein beobachteten Bilder von hoffnungsloser Schuld und Verlorenheit in durchweg bedrückend düster und deprimierend gehaltenen Farbtönen zeigen skrupellose Menschen auf beiden Seiten, denen nichts als Menschenverachtung, Zynismus und Gewalt geblieben sind. Frank genießt seinen durch schmutziges Geld erworbenen Erfolg bei billigen Frauen in ebenso billigen Kaschemmen und verrät Sissy, das einzige Mädchen, das ihn wirklich liebt, führt die noch unschuldige, die sich ihm aus echter Zuneigung hingeben will, seinem Kumpan Kromer zu, der sie vergewaltigt. Vom Verrat an Frank, seiner zerstörenden Gestapo-Haft, Verhören und seiner schließlichen Erschießung erzählen Simenon/Fromental/Yslaire mitnehmend auf den letzen 35 Seiten. Bilder die unvergessen bleiben.
Zeichner Yslaire setzt den existenzialistischen Noir-Krimi eindrucksvoll in Szene – mit den beschriebenen Farben und bedrückender Atmosphäre.
Georges Simenon, Jean-Luc Fromental, Bernard Yslaire – „Der Schnee war schmutzig“
Aus dem Französischen von Christoph Haas
© 2026 Carlsen Verlag, 104 Seiten, gebunden, 23,7 x 31,7 cm - ISBN 978-3-551-80637-6
Empfohlenes Lesealter ab 16 Jahren
24,00 €
Weitere Informationen: https://www.carlsen.de/hardcover
|



