Wenn Merz spricht
Ein Kanzler im Fadenkreuz der Wortklauber
Von Lothar Leuschen
Hat er? Oder hat er nicht? Will Bundeskanzler Friedrich Merz innerhalb der nächsten drei Jahre 80 Prozent der syrischen Flüchtlinge nach Hause komplimentieren? Oder war das der Wunsch des syrischen Präsidenten al-Scharaa? Nun ließe sich leicht die Frage diskutieren, wie es sein kann, daß die Opposition im Bundestag und auch Abgeordnete des Koalitionspartners SPD dem deutschen Kanzler offenbar weniger Glauben schenken als einem islamistischen Ex-Terroristen, den die USA einst mit Millionen-Kopfgeld suchten. Aber das führte vermutlich zu weit.
Naheliegender ist vielmehr, daß die Politik in Deutschland offenbar nicht mehr in der Lage ist oder in der Lage sein will, des Pudels Kern zu betrachten. Im Falle der syrischen und anderer Flüchtlinge ist das die Frage, wer unter welchen Umständen in seine Heimat geschickt werden und wer in unter welchen Bedingungen bleiben soll. Statt sich also mit dem Sachverhalt zu beschäftigen, daß Deutschland immer noch keine festen, nachvollziehbaren Regeln für Einwanderung hat, wird gemutmaßt, wer was gesagt und wie gemeint hat. Das kommt bei Bundeskanzler Friedrich Merz häufiger vor. Aber immer mit demselben Ergebnis. Seine nicht von der Hand zu weisende Beobachtung, daß in manchen Kulturkreisen auch heute noch Jungs zu Paschas erzogen werden, folgten idiotische Rassismusvorwürfe. Besser wäre die Debatte darüber, wie Menschen aus anderen Kulturkreisen von den Werten des hiesigen Kulturkreises überzeugt werden können, auf daß Gleichstellung von Frau und Mann nicht mehr infrage gestellt wird. Merzens verbale Grobschlächtigkeit hat, weil es der Opposition gefiel, auch die Diskussion darüber verhindert, wie Innenstädte in Deutschland wieder zu einem angenehmen Aufenthaltsort für alle Einwohner werden können. Diese Aussprache über das Stadtbild der Zukunft ist erst gar nicht gestartet worden. So wird es auch dem Thema Einwanderungsland Deutschland ergehen. Es sei denn, Merz rüstet verbal ein wenig ab und die Wortklauber entlassen ihn gleichzeitig aus ihrem ideologischen Fadenkreuz.
Der Kommentar erschien am 2. April in der Westdeutschen Zeitung.
Übernahme des Textes mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
Redaktion: Frank Becker
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