Ja, was glauben Sie denn?

J├╝rgen Becker mit seinem aktuellen Programm

von Frank Becker

Foto: Veranstalter - © Jürgen Becker

Fortsetzung des Karnevals mit anderen Mitteln
 
Jürgen Becker mit seinem überarbeiteten Programm
„Ja, was glauben Sie denn?“
 
Wermelskirchen. „So, dann wollen wir uns mal `en schönen Abend machen!“ Jürgen Becker ist der nette Kerl von nebenan, mit dem man gerne mal einen Kranz Kölsch trinken möchte. Ein sympathischer Plauderer, der entspannte Wohnzimmeratmosphäre und Schillers Schädel („Den hatte Goethe auf seinen Schreibtisch gestellt. Jetzt stellen Sie sich mal vor: Roland Kochs Schädel auf Strucks Schreibtisch. Das könnte dem gefallen – mir auch!“) in den ausverkauften großen Saal der Kattwinkelschen Fabrik in Wermelskirchen brachte und einiges über Gott und die Welt zu erzählen hatte. Weil der Kölner an sich wissensdurstig ist und mit der Religion ein inniges Verhältnis hat, ist der kölsche Kabarettist der Evolution, der Sache mit dem Glauben und der Christianisierung des Abendlandes seit Chlodwig und Klothilde mal intensiv auf den Grund gegangen.
 
Ergebnis ist ein theologisch-mythologischer Exkurs durch die Entwicklungsgeschichte vom Australopithecus afarensis bis Angela Merkel und vor allem die der drei monotheistischen Religionen der Welt - von Adam und Eva (Schöpfungsgeschichte = Abteilung Mythen in Tüten) bis hin zu der Erkenntnis, daß George W. Bushs Existenz im Grunde die Widerlegung der Darwinschen Evolutionstheorie war. Da wir schon mal bei den Amis sind: „Sarah Palin ist ein Beispiel für das Ergebnis, wenn Eva Hermann von Kardinal Meiner ein Kind kriegt – gut, daß uns die erspart geblieben ist!“. Genaugenommen ist der Mensch aber evolutionstechnisch ein Rheinländer: kann nichts, traut sich aber alles zu.
 
Aktuell streifte Becker die Finanzkrise („Heute überfällt keiner mehr eine Bank, aus Angst, dass er hinterher den Arsch voll Schulden hat.“), das Opel-Debakel und griff die den tragischen Einsturz des Kölner Stadtarchivs auf, dessen Vorgeschichte reichlich politischen Sprengstoff birgt. Da aber mag man nicht lachen. Allgemein mit Beifall anerkannt wurde die Einsicht, daß der Papst dem Kabarett eine seiner Hauptaufgaben abnehme, nämlich die Kirche lächerlich zu machen: „Das übernimmt Benedikt, die Andrea Ypsilanti der Religion, jetzt selbst.“ Da ist sei Gioardano Bruno zum Glück ein wenig geschehen - wenn der Vatikan auch erst im Jahr 2000 (!) seine Verbrennung am 17.2.1600 für Unrecht erklärte. Jürgen Becker hat da (verhältnismäßig) wenig zu fürchten, obwohl er am Katholizismus wie am Islam kaum ein gutes Haar läßt.
 
Auch er gehört nämlich zu den kritischen Kabarettisten, die eine Auseinandersetzung mit dem dogmatischen Islam nicht scheuen – eine zunehmende Tendenz unter Denkenden – seine geschliffenen Spitzen gegen die überhand nehmende Radikalisierung kamen an. Daß die mangelnde Anpassungsunfähigkeit moslemischer Gäste hierzulande zu Widerspruch führen muß, ist Futter für Wortspiele: „Kabarett – Minarett, da sieht man die Differenz gleich.“ Bei der Erläuterung der Hintergründe verzichtet er klug auf ein Bild Mohammeds („..damit wir hier nicht gebombt werden“), ersetzt es durch ein Schild „Fotografierverbot“ und die grüne Fahne durch eine grüne Motorhaube. Symbole zählen auch. Ist doch ein kluger Gedanke. Oder die Islam-interne Auseinandersetzung etymologisch: aus „Alles Schiet“ wurde „Schiit“ und aus „Esu nit!“ die „Sunnit“. Irgendwas unklar? „Fragen wir Vati ma.“
Buddhisten und die Shintoisten kommen anders als Katholiken, Moslems und Juden übrigens ganz gut weg.
 
Mitunter entstand zwar der Eindruck, Jürgen Beckers Programm enthalte einigen Pointen aus der Mottenkiste ganz unten und dazu etliche umgeschriebene alte Witze. Aber locker gebracht, sind sogar olle Kamellen manchmal ganz hübsch und Becker erweist sich als ein kölscher Diogenes mit einer Tonne voller Späße.
Am Aschermittwoch ist längst nicht alles vorbei, das bewies diese eloquente Religionsstunde mit der Erkenntnis „Weihnachten ist schön, aber in der Session stört es“, die jedoch auch nicht die Fragen beantworten konnte: „Gibt es Gott? Gibt es im Himmel Manna all you can eat?“ Ewwer jeschunkelt wood am Schluß und jesunge (Lied 406) - und et jow Kölsch. Dat zählt. Prost!

Informationen über Jürgen Becker und seine Programme unter:
www.juergen-becker-kabarettist.de