Die Himbeer-Surprise
Ich war kürzlich in der Bäckerei Mertens in Marienloh. Gleich entdeckte ich ein neues Teilchen, welches ein Schild vor sich stehen hatte, auf dem „Himbeer-Surprise“ stand. Ich fragte gleich: „Liebe Frau Mertens, kann es sein, daß die Surprise beim Himbeer-Surprise die Himbeere ist?“ Frau Mertens nickte, hob das Blech mit dem Himbeer-Surprise-Teilchen auf die Auslage und sagte: „Das wird sehr gut von der Kundschaft angenommen.“ Mir lief das Wasser im Munde zusammen und auch jetzt, wenn ich an diesesen Vorfall denke, läuft mir das Wasser im Mund zusammen, als würde ich immer noch da stehen und hilflos auf das Teilchen starren. Ich sagte zu Frau Mertens: „Liebe Frau Mertens, wäre es nicht surprisiger, wenn das Teilchen Obst-Surprise heißen würde und man beißt dann hinein und stößt auf die Himbeere?“ Frau Mertens war skeptisch. „Meiner Meinung nach“, sagte sie, „will der Kunde wissen, was er kauft und ist solchen Überraschungen gegenüber nicht offen.“ Ich nickte, gab aber noch nicht auf. „Stellen sie sich doch mal vor, man nennt diese Teilchenneuheit Kirsch-Surprise und stößt dann auf eine Himbeere. Wäre das nicht noch total glücklich machend?“ Frau Mertens lachte. „Wir sind hier in Marienloh, da ist man verwöhnt in solchen Dingen. Hier beschwert man sich ja schon, wenn das Bäckerauto anstatt wie gewohnt am Montag am Dienstag durch die Siedlung fahren würde.“ Ich war nicht überzeugt und vertraute weiterhin auf die Neugierde der Menschen. Frau Mertens sagte. „Wenn sie was Neues erleben wollen, dann nehmen sie doch die Fitnessschnitte, die ist mit Vollkornmehl gebacken, hat einen Haferflockenüberzug und ist nicht süß.“ Ich dachte nur, was soll ich denn mit einer Fitnessschnitte anfangen? Ich will doch beim Essen eines Kuchens nicht an meine Gesundheit denken. Der Kuchen soll mich träge machen und egoistisch. Ich will mich nach dessen Genuß hinlegen und mich satt fühlen wie der Wolf mit den sieben Geißlein im Bauche. Frau Mertens überlegte und empfahl mir schließlich einen Mohnkuchen, den sie in einem abschließbaren Fach in der Verkaufstheke liegen hatte. „Nehmen sie doch den Mohnkuchen“, flüsterte sie. „Er entführt in dunkle Geheimnisse und läßt uns den Tod erahnen.“ Ich seufzte. Vielleicht war an diesem Tag dieser Kuchen genau das richtige für mich und meine schwarze Seele. „Ich nehme dann den Mohnkuchen“, sagte ich zu Frau Mertens. Ich zitterte. Sie schloß die Augen und sagte: „Gerne, aber dann müßte ich vorher noch ihren Ausweis sehen.“ Oh wie schön sie in diesem Augenblick war.
© Erwin Grosche
|

