Nicht zu beneiden
Leben und Streben von King Charles III.
Seine Mutter kam als strahlende junge Frau auf den Thron und hat als Elizabeth II. jahrzehntelang die englische Krone würdig repräsentiert. (Ihr Fehlverhalten im Fall ihres Lieblingssohnes Andrew kam erst nach ihrem Tod heraus.) Ihr Sohn Charles mußte schier endlos auf die Nachfolge warten und konnte sie erst mit 74 Jahren, zumal als kranker Mann, antreten.
Allerdings war er schon, bevor er King Charles III. wurde, nun mit seiner erwählten Gefährtin als Queen Camilla an seiner Seite, quasi lebenslang prominent im Bewußtsein der Öffentlichkeit. Vor allem seine Ehe mit Lady Diana Spencer, die eine Meisterin der Manipulation der Medien und öffentlichen Meinung war, ließ ihn mehr als schlecht dastehen. Charles war für einige Skandale der Royals zuständig, so wie später sein Sohn Harry und sein Bruder Andrew. Beneidenswert war und ist sein Leben, wenn man es so überblickt, nicht.
Einen medien-gestylten Blick auf das Phänomen Charles wirft nun Royal-Expertin Lisbeth Bischoff, die seit Jahrzehnten das Fernsehpublikum durch alle Hochzeiten, Krönungen und Begräbnisse in Königshäusern führt. Sie tut es allerdings nicht, indem sie seine Lebensgeschichte chronologisch nacherzählte und tiefer in das Phänomen Charles blicken würde. Was gibt es über den Mann zu sagen, der seine Aufgabe so formulierte: „Für den Job eines Königs gibt es keine Stellenbeschreibung“.
Wie gestaltet sich ein Leben, das von Anfang an quasi in einem „gläsernen Palast“ stattfindet, stets unter den neugierigen Augen der Mitwelt? Für einen Buben, der im Alter von drei Jahren Thronfolger wird? Der keine zärtlichen Eltern hatte, die Mutter interessierte sich hauptsächlich für das, was vier Beine hat, also Pferde und Hunde, von seinem Vater hieß es, er habe 24 außereheliche Kinder gehabt. Lisbeth Bischoff weiß eine Menge über Klatsch und Tratsch.
Harsche Erziehungsmethoden, strenge Schulen, „Höllenaulen“ im Internat. An seinem achten Geburtstag wird Charles „Prince of Wales“ – und bleibt es 64 Jahre lang, oft unter dem Hohn der Mitwelt. Es ist ein Leben voll von Repräsentationspflichten – und voll von Privatleben. So richtig beliebt war er bei den Briten Zeit seines Lebens nicht.
Lisbeth Bischoff erzählt von „Charles, dem Spinner“, für seine Liebe zu Pflanzen und seine ökologischen Ambitionen nicht bewundert, sondern belächelt. Sie erzählt von Charles „auf Freiersfüßen“, wobei es primär um Camilla geht, die er seit 1970 kennt und die zweifellos sein Lebensmensch ist. Man hat seine frühen Ambitionen, sie zu heiraten, brutal vereitelt. Sie wird allerdings in seinem Leben immer da sein, selbst – wie man erfährt – als Charles Diana Spencer seinen Heiratsantrag machte. Angeblich hat Camilla den Champagner dazu serviert…
Was nun folgt, kennt man. Die Autorin nennt es „Vom Traum zum Alptraum“. Es war eine für Charles erzwungene Ehe mit einer Frau, mit der ihn nichts verband – und die Ups and Downs der Beziehung sollten die Yellow Press die nächsten Jahrzehnte unaufhörlich beschäftigen. Er selbst kam nicht gut dabei weg.
1982 und 1984 kamen die Söhne William und Harry zur Welt, die die Klatschpresse heute beschäftigen. Von Charles erfährt man später, daß er alle Tricks bemüht, um Zeit mit Camilla verbringen zu können – schließlich sind es diese beiden, die füreinander bestimmt sind. Daß dies für Diana schwer zu akzeptieren war, ist klar. Ihr erratisches Benehmen bis zu ihrem Tod war für Charles auch nicht leicht zu ertragen.
Offiziell repräsentieren die beiden gemeinsam, aber die Wege trennten sich bald. Die Presse gewöhnte sich daran, die Krise aus der Körpersprache der beiden heraus zu lesen. Diana war heftig mit ihren Ehebrüchen beschäftigt – aber das sei, so die Autorin, schließlich die Lieblingsbeschäftigung der englischen Aristokratie. Es ist die bekannte Geschichte. Auch Lisbeth Bischoff kommt nicht darum herum – es soll von Charles die Rede sein, und man spricht immer bis ins kleinste Detail über Diana.
Nach ihrem Tod mußte Charles sich neu erfinden – und die Weichen dafür stellen, Camilla offiziell in sein Leben zu holen, wogegen es die härtesten Widerstände der Öffentlichkeit und der Presse gab (abgesehen davon, daß weder die Queen noch die Diana-Söhne von dieser Beziehung begeistert waren). Wie die beiden Geschiedenen es doch geschafft haben, zu heiraten, zusammen zu leben und ein Königspaar zu werden, ist eine Leistung für sich. (Von dieser Hochzeit in Windsor 2005 hat Lisbeth Bischoff live für den ORF berichtet…)
Das Buch springt dann in die Gegenwart, zu Prinz William und Kate Middleton, die studierte Bürgerliche in der Königsfamilie, die so viel Popularität gewinnt und damit so viel für die Monarchie tut. Drei Kinder und ihr tapferer Umgang mit einer Krebserkrankung sorgen für Bewunderung.
Weit weniger harmonisch ist – auch das eine bekannte Geschichte, kein Zeitungsleser ist ihr entkommen – das Kapitel über Charles‘ zweiten Sohn, über Harry und dessen Gattin Meghan Markle. Ein Kapitel gibt es auch über Charles jüngsten Bruder, Prinz Edward.
Und dann wendet sich nach dem Tod der 96jährigen Queen Elizabeth II. 2022 das Buch wieder seinem Gegenstand zu: Die Königin ist tot, es lebe der König. Charles war endlich, endlich an der Reihe, mit Staatsakt und späterer Krönung. An seiner Seite, auch mit Krone, „Königin Camilla“. Das hatte Charles seiner Mutter noch abgerungen.
Da hat das Buch noch gut 70 Seiten vor sich, um von Charles‘ Prostata-Operation zu erzählen, die er öffentlich machte, um das Verschweigen und Bemänteln vergangener Zeiten zu durchbrechen. (Da kann die Autorin auch frühere Unfälle und Krankheiten aufbereiten.)
Und schließlich geht es im Kapitel „Skandalöses und Unerhörtes“ um jene Geschichte, die wohl am schwersten auf Charles‘ Schultern lastet: Die Verstrickungen seines Bruders Andrew in den Sumpf der Epstein-Welt. Was dem Buch auch noch einen Schwenk zu anderen „Verstoßenen“ der Familie erlaubt, dem Herzog von Windsor, und zu einer weiteren Skandalfigur der Familie, Prinzessin Margaret. Auch an dem Mythos der fröhlichen, gemütlichen Queen Mum wird gerüttelt.
Bis ganz in die Gegenwart kann ein gebundenes Buch, das schließlich Zeit zur Herstellung braucht, nicht führen, die letzten Ereignisse um „Andrew Mountbatten-Windsor“ sind nicht enthalten. Aber die ändern sich schließlich auch täglich. Obwohl die Autorin ihr Buch im Untertitel „Kein Mann der zweiten Reihe“ nennt, hat man manchmal das Gefühl, viele Menschen rund um Charles seien interessanter als er.
Ein Blick auf die Schlösser und Paläste der Windsors wird König Charles so wenig trösten wie die Tatsache, daß das Zeremoniell für sein Begräbnis schon durchgeplant ist. Die nächsten Könige werden William und George heißen. Falls die gebeutelte Monarchie, die Charles III, zusammen zu halten sucht, so lange durchhält.
Lisbeth Bischoff - „King Charles: Kein Mann der zweiten Reihe“
© 2026 Amalthea Verlag, 272 Seiten, 1. Auflage, mit zahlreichen Abbildungen - ISBN 978-3-99050-303-4 Weitere Informationen: https://amalthea.at
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