Sehen mit zwei Augen
Von Ernst Peter Fischer
„Etuaptmumk“ ist ein für Europäer schwer auszusprechendes Wort, das zur Sprache der Mi´kmaw-Nation gehört, die im östlichen Nordamerika zu finden ist, genauer im kanadischen Novo Scotia. „Etuaptmumk“ bedeutet „zweiäugiges Sehen“, und der dazugehörige Gedanke möchte ermutigen, mit einem Auge die Stärken des Wissens zu nutzen, über das Indigene wie die Tuareg in Algerien oder die Mi´kmaw in Amerika verfügen, und mit dem anderen Auge die Qualitäten des Wissens zu erfassen, das mit westlichen Traditionen erworben worden ist.
Das in England produzierte „International Journal of Science“ „Nature“ hat in seiner Ausgabe vom 6.2.2025 dem „Two-Eyed Seeing“ viele Seiten eingeräumt, um „Indigene Perspektiven für die Neurowissenschaften“ aufzuzeigen. Als Urheber des „Etuaptmumk“ werden Albert Marshall als ein Ältester der Mi´kmaw-Nation und seine verstorbene Frau Murdena genannt, wobei Elder Albert am liebsten über den Schutz der Mutter Erde und die Integration indigenes Wissens in die Mainstream-Wissenschaft spricht.
Der Aufsatz in „Nature“ möchte zum Verständnis des menschlichen Gehirns und seines Geistes („mind“) beitragen und versuchen, das zweiäugige Sehen zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu nutzen und auf die mentale Gesundheit mit den beiden Augen zu schauen, die gewöhnlich als Reduktionismus und Holismus unterschieden werden. „Der Teil und das Ganze“ also, wobei diese Worte in Anführungszeichen stehen, weil die Autobiographie des Physikers Werner Heisenberg so heißt, dem vor 100 Jahren der entscheidende Schritt zu der Quantenmechanik gelungen ist, die ein besonderes zweiäugiges Sehen notwendig macht, da das Licht nicht nur als Welle, sondern auch als Teilchen betrachtet werden muß.
Wer ein Lichtteilchen vermessen will, kann entweder den Ort q oder den Impuls p bestimmen, was sich auch durch die Worte ausdrücken läßt, daß man die Welt mit einem Q-Auge – einen Kuhauge – oder einem P-Auge betrachten kann – was leider nicht als Rehauge zu schreiben ist –, aber nicht mit beiden zugleich. Das zweiäugige Sehen veredelt die Quantenphysik mit dem philosophischen Begriff der Komplementarität, der etwas erfaßt, das sich oberflächlich widerspricht, während es in der Tiefe zusammenhängt.
So etwas ist seit der Epoche der Romantik bekannt, in der Menschen lernten, mit ihren inneren Augen tiefer als mit den Fensterlein im Kopf zu sehen, und das zweiäugige Sehen stellt zudem die Wahrheit, die das Herz wärmt, der Wahrheit gegenüber, die den Weg weist. Es ist doch keine Frage, daß es neben dem Expertenwissen mit seinen theoretischen Begründungen immer auch das indigene Vermögen mit seinen ästhetischen Reizen gegeben hat und geben sollte.
Der erwähnte Aufsatz über „Etuaptmumk“ in Nature erwähnt die Notwendigkeit zur Demut oder Bescheidenheit in der westlichen Wissenschaft. Da braucht sich niemand zu sorgen. Sie steckt voller Unbehagen, weil sie nicht sieht, was als Nächstes auf die Menschen zukommt. Das zweiäugige Sehen wird diese ontologische Unsicherheit nicht ausräumen.
© Ernst Peter Fischer |

