Reisen des Christophorus Columbus nach der neuen Welt.

Aus der Universalhistorie des Herrn Abt Millot

├╝bersetzt von Wilhelm Ernst Christiani, 1793
Reisen des Christophorus Columbus
nach der neuen Welt.
 
Schon warf ein Mann von großem Geist seine Blicke auf die andere Hälfte der Erdkugel. Christophorus Columbus, ein zu Lissabon säßhafter Genueser, durchdrungen von dem glücklichen Erfolge so viele kühner Seefahrer, ließ seinen Gedanken freyen Lauf, dachte mit Beyhülfe einer schlechten geographischen Karte über die Gestalt der Erde nach, und überredete sich, daß das große atlantische Meer unbekannte Länder umfasse; oder daß man, wenn man immer nach Westen segelte, eine Fahrtr nach Indien und China finden würde. Diese letztere, obwohl falsche Vermuthung war der Grund zu Entdeckung von Ländern , dahin nie ein Mensch gekommen war. Aber wenn Columbus nicht den Muth eines Helden gehabt hätte, so würden seine unbegränzten Vorstellungen sich in Hirngespinsten verlohren haben.
(...)
Er verschluckte Spöttereyen und Beschimpfungen. Er betrieb sein Vorhaben in Spanien bey Ferdinand und Isabellen; war acht Jahre lang beständig abgewiesen, und sahe sich endlich dahingebracht, selbst den Religionseifer in Bewegung zu setzen, bloß damit er nur die Erlaubniß erhalten möchte, für sie Königreiche aufzusuchen. Ein Franciscanermönch und zween andere Geistliche, die er endlich durch seine Vorstellungen für sich einnahm, bewogen Isabellen zu einer Unternehmung, die zur Ausbreitung des christlichen Glaubens dienen konnte. Aber es fehlte am Gelde. Sie verkaufte ihre Kleinodien, und ein Privatmann that Vorschüsse. Endlich erhielt Columbus mit dem Titel eines Admirals drey kleine Schiffe unter seinen Befehl.

Hispagnola - im Nordwesten die Isola de Tortuga
Von Freude entzückt, gieng er den dritten August 1492 zu Schiffe. Unter dem Murren des Schiffsvolks, und von demselben mit oftmaliger Empörung bedroht, entdeckte er nach einer bloß drey und dreyßigtägigen Fahrt eine der Lucayischen Inseln. Er entdeckte bald darauf die übrigen; ferner die Inseln Cuba und Hispaniola, oder St. Domingo; und kam nach Verlauf von ungefähr acht Monathen mit Gold und etlichen Americanern zurück. Nun war das Vorurtheil vernichtet. Ferdinand und Isabelle überhäuften nunmehro denjenigen mit Ehrenbezeugungen, den man vor seiner glücklich vollendeten Reise als einen Thoren behandelt hatte. Man sahe ihn an der königlichen Tafel speisen, und nach dem Vorrechte eines Grand von Spanien, in Gegenwart Ferdinands und Isabellen sich bedecken, und sich setzen.