Armenien

Spielball zwischen m├Ąchtigen Fronten

von Stanislaus Kapuc

Foto: Der Autor vor der Kirche von Yerevan © Stanislaus Kapuc
Armenien – Spielball
zwischen mächtigen Fronten
 
 
Im ersten Moment ist man überrascht. Auf dem Flughafen, trotz nächtlicher Stunde, nichts von Ostmentalität – auch wenn man zur Paßabfertigung ohne Visum kommt. Man wird freundlich zum richtigen Schalter gewiesen, von dort wiederum zur Wechselstube (die armenische Währung heißt „Dram“), hat damit zwar eine halbe Stunde verplempert, aber eigentlich nicht das Gefühl, schikaniert worden zu sein. Dann fährt man vom Flughafen in das Hotel im Zentrum. Westlicher Standard, in etwa auch westliche Preise. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, obwohl Yerevan kein Touristenzentrum ist. Man hätte auf dem Weg in das Stadtzentrum sogar noch etwas einkaufen können, obwohl es 3 h früh ist. Manche Geschäfte haben rund um die Uhr geöffnet.
 
Das Leben in Yerevan beginnt erst gegen 10 h morgens. Vorher treffen Sie kaum jemanden an. Dafür verlagert es sich bis spät in die Nacht hinein. Südländische Gebräuche also im Osten. Wenn man sich durch Yerevan chauffieren läßt, bemerkt man sehr viel Polizei auf den Straßen. Darunter viel Militärpolizei, die scheinbar nur herumsteht. Der Autoverkehr wird von der Polizei nicht wirklich gestört, das „Fußvolk“ eher nicht geschützt. Ein Schutzweg bei Grün, bei uns in Mitteleuropa eine sichere Bank, wird zum Glücksspiel. Alle Autos dürfen freilich nicht im freien Stil fahren, nur die teuren. Hinter deren Steuer sitzen einerseits die „Oligarchen“ bzw. deren Chauffeure, in der Mehrzahl aber viele „Blondinen“, die jungen Freundinnen der Geldmagnaten. Die Fenster dieser meist teuren Geländewagen (wozu in der Großstadt ein Geländewagen? – aber dieses Phänomen kann man auch in Deutschland und Österreich beobachten) – sind dunkel getönt, man soll die auf den Rückbänken Sitzenden nicht erkennen. Autos: Hauptsache möglichst teuer. Oligarchen-Freundinnen: 2 bis 3 Stück pro Oligarch, sicher noch teurer als die Autos. Wenn so ein Geländewagen zwecks Abkürzung über den Gehsteig fährt, darf er dabei ruhig einem Polizisten über die Zehen fahren – dieser wird trotzdem wegschauen. Ein billiges Auto hält schon vor dem Fußgängerstreifen, wenn nicht, dann wird der Lenker kräftigst zur Kasse gebeten, in Sekundenschnelle sind 2 bis 3 Polizisten zur Stelle.


Yerewan mit Ararat - Foto © Mcschreck   -  Diese Datei ist lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz
 
Der Begriff „Oligarch“ muß nichts mit Öl zu tun haben, Armenien hat nämlich kaum welches. Oligarchen sind die „Neureichen“, darunter ein ehemaliger Bus-Chauffeur, ein Schafhirte, ein Gemüsehändler etc. Und diese „Oligarchen“ sitzen auch im Parlament – denn immerhin ist Armenien eine demokratische Republik. Diese Magnaten haben die Situation in der Gorbatschow-Ära blitzschnell erfaßt und zusammengerafft, was zu raffen war. In ganz Armenien sind 10 % der Menschen ziemlich reich, etwa 30 % bilden den Mittelstand, der auch nicht schlecht lebt, aber für sein Geld arbeiten muß, die restlichen 60 % müssen zwar auch irgend etwas für ihren Lebensunterhalt machen, aber zu einer gesicherten Arbeit kommen sie nicht. Das sind dann die Armen. In der Hauptstadt Yerevan verschieben sich diese Prozentsätze  etwas zu Gunsten der Vermögenderen.  Mir wurde auf den Weg gegeben, daß – sollte ich Herrn Gorbatschow einmal auf einer Party, zu der er sich gegen Bares einladen läßt – treffen, dann soll ich ihm sagen, daß er sich in Armenien möglichst  in ein gepanzertes Auto setzen, besser aber gar nicht kommen soll. Die Gefahr, daß ich Gorbatschow irgendwo treffe, besteht bei mir allerdings nicht!
 
Die Jugend ist Armeniens größtes Kapital. An allen Schulen gibt es eine Art Uniform, weiße Bluse oder weißes Hemd, dunkler Rock bzw. dunkle Hose. Es herrscht Leistungsdruck, wer bei zwei Prüfungen scheitert, wird dorthin versetzt, was man in Österreich „Baumschule“ nennt. An den Universitäten ist das womöglich noch ärger. Ich habe bei meinem Besuch – immerhin 5 Tage – keinen einzigen betrunkenen oder eingerauchten Jugendlichen gesehen! Die Armenier sind unglaublich gastfreundlich, man fragt sich manchmal als Europäer mißtrauisch, was die von einem im Gegenzug dafür wollen. Sie wollen nichts – oder besser gesagt, sie wollen bloß, daß man sie in Europa versteht!
 
Und da kommen wir bereits auf die aktuelle politische Lage zu sprechen, die alles andere als rosig ist. Man muß wissen, Armenien war seinerzeit im Osmanischen Reich ein riesiger Staat. Aber da die Armenier dort nicht wirklich hineingepaßt haben (im Jahr 301 haben sie den apostolisch-orthodoxen Glauben angenommen), wurden von den Islamisten immer wieder größere Land-Teile abgezwickt. Höhepunkt war wohl der Genozid, der von den Türken begangene Völkermord um 1915 herum. Heute leben in Armenien nur 3 Millionen Menschen, die Grundfläche ist mit jener des deutschen Bundeslandes Brandenburg vergleichbar. Es ist ein steiniges, bergiges Land, der Sewan-See, gleichzeitig das Trinkwasser-Reservoir, liegt 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Auf den zahlreichen Hügeln haben sich einige der Oligarchen richtige Burgen gebaut, sogar mit echten Zugbrücken! Die Grenzen - sowohl am Berg Ararat zur Türkei als auch – und vor allem zu Bergkarabach und damit zu Aserbeidschan, sind umstritten und waren – im Fall Aserbeidschan - noch vor gar nicht langer Zeit hart umkämpft. Die Armenier stören, da ihre Nachbarn Türkei, Aserbeidschan, Turkmenistan, Kasachstan alle Türkisch als Landessprache haben, die Armenier somit die „Exoten“ der Gegend sind.
 
Die USA haben große militärische Interessen in der Türkei. Sie wollen, daß die Türkei über kurz oder lang zur Europäischen Union kommt – und sie wird natürlich kommen. Da können wir uns in Europa auf den Kopf stellen, mehrere Volksbefragungen abhalten – die Türkei wird in der EU landen. Amerika will einen möglichst kräftigen Fuß im Türspalt zur EU haben. Dazu brauchen sie nicht den Genozid als Völkermord anzuerkennen, wie etwa von Frankreich gefordert: Ein neuer „Friedensvertrag“ auf Vorschlag der USA mit den Türken soll dieses Problem regeln und den Völkermord als eine „kriegsbedingte Notwendigkeit“ ausweisen, so ist nämlich die Lesart der Türken. Und wenn man das Kleingedruckte im Vertrag liest, werden mit der Unterzeichnung gleichzeitig alle Grenzen anerkannt, wie sie sich  zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung gerade ergeben. Tausende Armenier sind daher in Bergkarabach einen völlig sinnlosen Tod gestorben.
 
Warum sollen die Armenier diesen Vertrag unterschreiben, sie können sich ja dagegen wehren! Denkste! Die Armenier können sich genau so wenig gegen diesen Vertrag wehren, wie etwa die Österreicher gegen den EU-Vertrag von Lissabon. Es unterschreibt nämlich der Staatspräsident mit Billigung des Parlaments. Das Volk wird nicht mehr gefragt. Bei der Wahl zum Staatspräsidenten hat es angeblich große Unregelmäßigkeiten gegeben. Die EU und die USA haben Wahlbeobachter entsandt. Diese fanden die Wahlen rechtmäßig. Die Opposition in Yerevan behauptet, daß diese „Kontrollore“ der Partei des Präsidenten überhaupt erst gesagt haben sollen, wie man einen Wahlbetrug bewerkstelligt. Am Abend des Wahltages, am 1. März 2008, kam es zu großen Demonstrationen gegen den Präsidenten. Zehn Demonstranten mußten dabei ihr Leben lassen, ihre Repräsentanten sitzen heute in Gefängnissen – unter fadenscheinigen Begründungen. Im Parlament wiederum sitzen die Repräsentanten der Präsidentenpartei – praktisch alles Oligarchen des Landes und somit die Gewinner der neuen Situation! Auf meiner Fahrt zum Sewan-See bemerkte ich etwa 30 km von Yerevan entfernt eine Schranke – wohl geöffnet – über die Straße gezogen. Meine Frage, ob das eine Grenze oder eine Mautstelle sei, wurde verneint. Dort stehen Polizisten und beobachten den Autoverkehr nach Yerevan. Demonstranten stehen nämlich auf einer schwarzen Liste. Wenn zu viele verdächtige Autos auf der Anfahrt zur Hauptstadt Yerevan sind, werden die Behörden per Funk verständigt und Yerevan wird „zugesperrt“.
Die Situation ist total verfahren, die Armenier sind zum Spielball der USA und der Türkei geworden. Und bei uns faselt man scheinheilig oder unwissend etwas von Friedensbemühungen der Türkei, von Aussöhnung nach dem Genozid und anderem. Es ist ehrlich zum Kotzen.
 
Die Armenier sind ein herrliches, stolzes Volk. Viele haben große Karrieren im Ausland gestartet, wie etwa der Sänger Charles Aznavour, die Sängerin und Schauspielerin Cher, Tennis-Star Andre Agassi, US-Milliardär Calouste Gulbenkian (gest. 1955), die Schachweltmeister Tigran Petrosjan (gest. 1984) und Garri Kasparow, der Filmproduzent Henri Verneuil (gest. 2002), der Komponist Aram Chatschaturjan (gest. 1978), der bekannte Politiker Anastas Mikojan (gest. 1978) – den deutschen Boxer Arthur Abraham oder die Boxerin Susi Kentikian sowie den französischen Fußball-Weltmeister Youri Djorkaeff möchte ich nicht in einem Atemzug mit diesen „Kalibern“ erwähnen, aber auch sie wurden weit über die Grenzen Armeniens hinaus bekannt. Darüber hinaus gibt es noch viele "Aushängeschilder". Die übrigen wollen nur eines: Gerechtigkeit. Sie hoffen auf Europa. Aber Europa wird blind und taub sein. Denn Mächtigere sagen in Europa, wo es lang geht. Und diese sind weit von Europa entfernt oder sie sind noch nicht in Europa gelandet. Wehren können wir uns weder gegen diese, noch gegen jene. Weil wir ganz einfach blind und taub durch die Welt gehen. Oder wurden wir bereits so geboren? Oder gehen wir ganz einfach den Weg des geringsten Widerstandes an der Seite der Mächtigen dieser Welt