Ein B├Ącker Mertens Epos

von Erwin Grosche

Foto © Frank Becker
Ein Bäcker Mertens Epos

1. Eine Torte ist keine Wunde, die aufbricht und eitert. Eine Torte soll ein Raum sein, in den man hineintritt und spontan umarmt wird. Sie kann nach der Mutter die wichtigste Bezugsperson im Leben eines Mannes sein. Eine Torte ist nicht nur eine Torte. Sie ist ein Kuchen, der sich herausgeputzt hat. Eine Torte kann die Welt verändern. Sie hat sich in Schale geschmissen und lockt mit all ihren Reizen. Eine Torte kann anrühren. Sie faßt mit einem Bissen die schönen Augenblicke des Lebens zusammen. Hier kommt Frieden in die Welt und die Menschen wissen wieder, was Liebe ist. „Die Liebe ist das Wirklichwerden des anderen für mich (Valentin Tomberg)“, sagte die Torte.
 
2. Paderborn ist eine Brot- und Kuchenstadt. Hier gibt man sich bewußt dieser Leidenschaft hin und ist stolz auf sein Tortendoppelkinn. Hier spricht man über Baiserwolken, hier sehnt man sich nach Tortenregen. Kuchen ist Lebensfreude. Eine Torte muß komponiert sein. Geschmack, Ausdruck und Form bieten viele Möglichkeiten die Welt zu verzaubern.
 
3. Ein Künstler auf diesem Gebiet ist Bäcker Mertens. Mertens ist ein Gestalter, der sich durch Fleiß und Können einen Namen gemacht hat. Was man bei ihm ißt, hat Qualität. Er ist eigen. Man spürt die Diva in ihm. Das, was man bei Mertens findet, gibt es nur bei ihm. Er lotet Grenzen aus. Ich kenne Menschen aus Bad Lippspringe, die eigens nach Paderborn fahren, um bei Mertens einen  Kuchen zu essen. Was hat dieser Magier an sich, daß seine Kundschaft ihn so verehrt? Ein leises Mhmm... liegt in der Luft, ein scheues Grunzen, ein überraschtes Stöhnen. Gibt man sich einer Mertens -Torte hin, vergißt man wer man ist und ist verliebt. „Jemanden zu lieben ist so, als würde man sagen: Du sollst nicht sterben (Gabriel Marcel)“.  Mertens weiß: Tortenkunst ist Lebenskunst. Er backt Kuchen und Torten, die Geschichten erzählen. Einen Streuselkuchen habe ich bei ihm nicht gesehen, auch um Apfelkuchen macht er einen Bogen. Warum auch? Mertens kennt seine Qualitäten, er kennt auch seine Grenzen. Den Apfelkuchen läßt man Herrn Weyher backen.  Da stimmen das Umfeld, das Rezept und die Tradition. Auch einen Streuselkuchen, wie ihn Bäcker Ostermann kreiert hat, zaubert man nicht aus dem Nichts. Ein Narr, der zu früh die Finger auf ihn legt. Nein, Mertens geht andere Wege und der Erfolg gibt ihm Recht. Er ist süß, ohne kitschig zu werden und er ist modern, ohne ungenießbar zu sein.
 
4. Natürlich hat er auch eine Philadelphiatorte im Angebot, aber er verzaubert sie mertenshaft.  Mertens Philadelphiatorte will entdeckt werden. Überzeugend in seiner Schlichtheit, gebannt auf solidem Boden, überrascht die naive Rückendeckung. Sind das zwei zuckerbestreute Kinderkekse? Und warum sind sie mit Zucker bestreut? Mertens hat nachgedacht. Die Zuckerkristalle stehen für Sterne und die ausgelassene Süße für den oberflächlichen Ruf der Amerikaner. 1683 kamen 13 deutsche Quäker- und Mennonietenfamilien aus Krefeld mit dem Schiff „Concord“ nach Philadelphia und ließen sich in einem Vorort namens Germantown nieder. Die Mertenstorte erinnert durch 13 Tortenstücke an dieses Ereignis. Genial.
 
5. Mertens backt Geschichten.  Er weiß, daß die Welt sich gewandelt hat. Sein Kuchenangebot ist international. Spanisch Vanille steht neben der Sylter Traum Torte. Da kann man sich kaum entscheiden. Sollen wir ihn reinlassen? Die Sylter Traum Torte ist ein Besuch aus  einer anderen Welt.  Mertens hält sich an das Erfolgsrezept der Süße, aber er verwirrt. Er kombiniert Süßes und Stumpfes. Er bringt Marzipan ins Spiel, wenn man am wenigsten mit ihm rechnet. Warum nennt er die Torte einen Sylter Traum, der dann doch auf eine Geschmackskombination von Roter Grütze mit Joghurt hinausläuft? Es ist der Boden, der  den Strand symbolisiert. Es ist die rote Grütze, die eine Kritik am Massentourismus darstellen könnte, wenn nicht der Joghurt der Süße ihre brutale Harmlosigkeit entziehen würde.
 
6. Mertens will alles. Er will glücklich machen. Seine Süßspeisen sind Sex. Das ist Tortenkunst auf höchstem Niveau. Nicolas Gomez Davila aß eine Mertens-Torte, als er den Satz notierte: „Jemanden lieben heißt den Grund verstehen, warum Gott diese Torte gemacht hat“.
 
7. Natürlich fordert auch Genie seinen Preis. Es ist selten, daß große Künstler ohne Sonderbarkeiten auskommen. Bei Mertens muß man fürs Brotschneiden 10 Cent bezahlen und das ist, mit Verlaub, nicht zu begreifen. Ich wunderte mich früher immer, daß Mertens bei aller Großzügigkeit in Geschmack und Form das Brot immer sehr sparsam in Einschlagpapier wickelte, sodaß es den Brotlaib kaum umspannen konnte. Warum macht er das? Muß sich kreativer Überreichtum immer ein Ventil schaffen? Es ist auch kaum zu verschmerzen, daß Mertens keine Tigerbrötchen mehr im Angebot hat. Sie sahen nicht nur aus wie Tigerbrötchen, sondern machten auch „Grrrrr“, wenn man in sie biß. Es ist zu hoffen, daß Mertens wieder Kraft und Zeit findet, sich auch wieder seinem Brot- und Brötchensortiment mit der Hingabe zu stellen, die auch diese „schlichten“ Backprodukte verdient haben. Ein guter Anfang ist  sein Ükernbrot, das wundervoll anders ist und gut den Menschenschlag wiedergibt, der sich im Ükernviertel angesiedelt hat. 
 
8. Wir sollten nun den Bäcker Mertens loben. Er hat es verdient. Er ist mutig und selbstbewußt. Er ist süß und weltoffen. So muß ein Paderborner Konditor sein. Danke Bäcker Mertens. Es ist beruhigend, daß es sie gibt.


© Erwin Grosche - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2010
Redaktion: Frank Becker