Land im Umbruch

Impressionen aus der Kulturhauptstadt Ruhr 2010

von Bernhard Nu├čbaumer
Komm zur Ruhr
 
Impressionen aus der
Kulturhauptstadt Ruhr 2010
 

 

Volksfest
 
Zurück aus dem Pott sind es zwei Bilder, die sich in meinem Kopf gegeneinander schieben. Bilder, die unterschiedlicher nicht sein können: das eine zeigt Still Leben, jenes gelungene Volksfest der Ruhrmetropole, das am 18. Juli drei Millionen Besuchern am Ruhrschnellweg, der Arterie des

Volksfest - Foto © Peter Tribus/Meran 
Reviers, versammelt hat. Das andere sind, nur eine Woche später, am 24. Juli, die Todesbilder von der Love-Parade in Duisburg.
 
Wir sitzen an diesem 24. Juli  im Bus von Duisburg nach Essen, als sich unter den Mitfahrenden die ersten Nachrichten von einer Katastrophe ausbreiten. Wir haben das Festgelände um etwa 18.00 Uhr, vor knapp zwanzig Minuten verlassen. Auf einmal machte die Meldung die Runde, daß irgendwo auf dem Rave eine Massenpanik ausgebrochen sei. Eine Sanitäterin neben uns an der Haltestelle munkelte etwas von 1,4 Millionen Besuchern und zehn Toten in ihr Handy. Hinter uns telefonierte ein vielleicht sechzehnjähriges Mädchen mit seiner Mutter, beruhigte sie, nein, ihnen sei nichts passiert. Im Bus unterhalten wir uns mit einer älteren Dame. Sie kommt aus Düsseldorf und ist auf dem Weg nach Bochum, hat wegen der unterbrochenen Zugverbindungen an diesem Tag schon einigen Ärger hinter sich. Aber sie nimmt es gelassen; ja, wegen der Love-Parade ist hier der Ausnahmezustand, ach, ich komm schon irgendwie ans Ziel. Wir erzählen von unserem Reisevorhaben, sie entgegnet, daß sie auch am Kulturprogramm Ruhr 2010 mitwirkt, Lesungen für Kinder am Nordsternpark in Gelsenkirchen organisiert.
 
Als wir unsere Eindrücke schildern und besonders erwähnen, wie freundlich, hilfsbereit und offen die Menschen des Ruhrgebietes auf uns wirken, versucht sie uns dieses Phänomen zu erklären: 2006, durch die Fußballweltmeisterschaft, habe sich an Rhein und Ruhr, wie in ganz Deutschland, ein neues Gefühl entwickelt, ein fröhlicher, offener, sympathischer Patriotismus. Dieses Selbstbewußtsein habe sich ganz besonders im Ruhrgebiet stark und positiv auf die Selbstwahrnehmung ausgewirkt. Der Fußball, das große Straßenfest – und „Komm zur Ruhr“, die neue Revierhymne aus der Feder von Herbert Grönemeyer aus Bochum, sagt sie, das kann jetzt das Verbindende der Menschen im ehemaligen Kohlenrevier werden. Und es stimmt, überall haben uns, Wochen nach dem Ende der WM in Südafrika, auf Balkons und Autodächern, in Schrebergärten und Kneipen, Deutschland-Fähnchen begleitet. Haben den Besuchern ein freundliches Wir-Gefühl vermittelt, stolz, ohne überheblich zu sein, patriotisch vielleicht, aber gewiß nicht nationalistisch.
 
So haben wir auch Duisburg am Morgen jenes Tages erlebt, der weltweit für Entsetzen gesorgt und der Euphorie ein abruptes Ende bereitet hat: fröhliche Menschen, einen netten Busfahrer, der die Jugendlichen in ihrer Feierlaune nicht anherrscht, sondern auf sympathische Art an die Regeln
 
Im Zugangstunnell - Foto © Peter Tribus/Meran 
erinnert – kein demolierter Bus, keine Exzesse, soweit wir es sehen. Auf der Parade fährt ein Polizeiwagen, Technosound wummert aus den Lautsprechern, Hilfskräfte und Uniformierte unterhalten sich locker mit dem Publikum, an einem Bartisch sitzen zwei ältere Damen sichtlich amüsiert mit einer Gruppe Jugendlicher Raver aus Holland zusammen; man prostet sich zu, Schnappschüsse werden ausgelöst – wir sind von der friedlichen, heiteren Stimmung und dem Drive des großen Festes ganz begeistert, unser Fotograf schießt Foto auf Foto …
 
Am Abend, im Hotel, sehen wir andere Bilder: mittlerweile ist klar, daß es auf der Love-Parade zu einer Katastrophe gekommen ist. Die Rede geht von 15 Toten und bis zu hundert Verletzten, ausgelöst durch eine Massenpanik. Der Barkeeper weiß schon, daß Köpfe rollen werden und sagt das Ende der Love-Parade voraus. Beim Abendessen wissen wir, daß eine Meldungswelle im Rollen ist, und ahnen nicht, wie das Titelblatt der BILD-Zeitung am nächsten Tag ausschaut: zusammengepferchte Jugendliche, weit aufgerissene Augen,  Hilferufe ins Leere, Todesangst; das Cover ist eine Detailaufnahme des kollektiven Todes, ohne erklärendes Wort. Erst in diesem Moment überkommt uns Entsetzen, wirkt das ins Bild Gesetzte als Menetekel des Furchtbaren. Und drückt dem Geschehenen seinen Stempel auf.
 
Und zugleich der Stadt, dem Revier und dem ganzen Land. Seit 25 Jahren befindet sich Nordrhein-Westfalen in einem ebenso ehrgeizigen wie schwierigen Umgestaltungsprozeß, der das ehemaligen Stahl-Kohlenherz Europas in eine Dienstleitungs- und Tourismusregion umwandeln soll. Design, Grafik und Kreativwirtschaft wollen an die Stelle von Zeche und Gußhalle treten. Seit 25 Jahren schließen die großen Betriebe, wandert die Industrie in Billigländer ab. Zurück bleiben riesige Strukturprobleme, Bildungsdefizite, Integrationskonflikte, Arbeitslosigkeit, leeren Kassen in den Kommunen. Und ein Negativimage, das wie zähklebriger Kohlenstaub am Land zwischen Rhein und Ruhr festzukleben scheint – zu Unrecht.
 
Denkmäler
 
Denn das Land ist grün, weit und freundlich, die Bewohner wirken offen und herzlich, die Veranstaltungsorte des Projektes Ruhr 2010 großartig. Essen ist beinahe eine Gartenstadt mit bürgerlichem Flair. Das vom britischen Stararchitekten David Chipperfield umgestaltete Folkwang-Museum ist die gelungene Neuinterpretation des Bauhausstils, eine wunderbar leichte und
 
Foto © Dortmunder U 
gleichzeitig streng formale Gebäudekomposition, die auf
16.000 Quadratmetern Nutzfläche einen Querschnitt durch die klassische Moderne Europas zeigt, die Zeche Zollverein in Essens Norden ein detailgetreu gestaltetes Industriedenkmal mit dem neuen Ruhrmuseum auf drei Etagen, eine schnörkellose, weitläufige Bauhauskonstruktion aus Eisen, Glas und Klinkern, mit malerisch verwilderten Zubauten und Gleisen, die im Dickicht eines Birkenwäldchens enden. Dasselbe erleben wir in Duisburg-Meiderich, im Industriepark Nord, wo eine aufgelassene Thyssen-Hütte das Landschaftsbild prägt und mittlerweile in ein 200 Kilometer großes Kultur- und Freizeitgelände umfunktioniert worden ist. Das Veltins-Stadion des Bundesliga-Vereins Schalke 04  in Gelsenkirchen ist die Hightech-Version eines Fußballplatzes mit automatisch gepflegtem, verschiebbarem Rasen - eine Kampfarena für moderne Gladiatoren und gleichzeitig eine Veranstaltungshalle, die den höchsten Ansprüchen genügt. Das Museum Küppersmühle am Duisburger Innenhafen spiegelt außen die Romantik der vergangenen Hanseherrlichkeit der Stadt und gibt innen den Blick auf die namhaftesten und wichtigsten deutschen Maler der Gegenwart frei: Lüpertz, Immendorf, Richter, Baselitz, Kiefer.
 
Kehrseite
 
Doch das ist nur die eine Seite des Ruhrgebietes. Die andere Seite, die von den Schwierigkeiten des Wandels erzählt, begegnet uns vor allem in der Gestalt von älteren Leuten, deren Armut sich offen in Kleidern, Gesichtern, Haltung ausdrückt. Ganz früh, wenn es noch keiner sieht, sind Rentner mit Plastiktüten unterwegs, um die Abfallbehälter nach Pfandflaschen abzusuchen, 25 Cent pro Flasche. Ein Bild, das sich allerorten gleicht. Und in den Innenstädten stehen ganze Bürokomplexe zum Verkauf oder zur Miete feil. An den Restauranttischen ist auch unter dem gutbürgerlichen Publikum die Arbeit Thema Nummer eins. Oder die Karstadt-Pleite, die allein in Essen, wo die Konzernzentrale steht, Tausende den Job kosten wird, wenn nicht die Verhandlungen um Mieten und Kosten mit dem neuen Eigentümer Erfolg haben.
 
Ingeborg Kampel ist eine Ich-AG. Zusammen mit einer Freundin verteilt sie selbstentworfene

Kehrseite(n) - Foto © Peter Tribus/Meran  
Faltblätter: Kunst, Kultur und Kulinarisches in Essen und Umgebung. Wenn sie genug Werbekunden zusammenhat, kann sie die Broschüre drucken und vertreiben. Das wirft nicht großen Gewinn ab, vermittelt ihr aber das Gefühl, etwas zu produzieren, was gebraucht wird. Gebt die Kärtchen weiter, muntert sie uns auf, bevor die beiden jungen Frauen in die Nebenstraße einbiegen, ihre Hoffnung im Gepäckwagen hinter sich herziehend. Mutig, entschlossen dem Schicksal die Stirn bieten. Gedanken wie aus einem Songtext von Grönemeyer, kommt es mir in den Sinn, als ich den beiden nachschaue.
 
Ihr Optimismus unterscheidet sich wohltuend von Szenen, wie wir sie an anderen Haltestellen unseres Ruhr-Aufenthaltes zu Gesicht bekommen; Trostlose Figuren an den Bahnhöfen in Gelsenkirchen, Dortmund, Wuppertal. Verwitterte Männer, die mit der Bierflasche in ihrer Hand verwachsen scheinen; abgestumpft, abgekämpft. Schlacke des Strukturwandels, ausgespuckt an den Rändern der Städte. Hier herrscht keine Hoffnung, genauso wie in Dortmund, wo das halbfertige Union-Gebäude die Kulturstadt-Besucher eklatant an die Probleme der einzelnen Städte bei der Umsetzung ihrer großen Kulturjahr-Vorhaben erinnert. Das im Internet vollmundig als Zentrum für Design und Kommunikation dargestellte Gebäude ist eine Baustelle, die Ausstellung besteht großteils aus Fotoserien, die in aller Eile von Volksschulkindern mit Hilfe engagierter Lehrerinnen zusammengestellt worden sind. Gleichwohl erzählen auch sie eine Geschichte über das Ruhrgebiet; denn alle mitwirkenden Kinder stammen aus Immigrantenfamilien.
An dieser Stelle wird uns auch das erste Mal klar, was uns auf unserer Reise durch das Revier immer irgendwie gefehlt hat: das Verbindende, Übergreifende, Verweisende, die größere gemeinsame Erzählung. Fast scheint es uns, als würde jede Stadt für sich arbeiten, auch kriegen wir in den großzügig gestalteten Ruhr 2010-Infobüros kaum Informationen über Veranstaltungen oder Besuchspunkte, die außerhalb des jeweiligen Einzugsgebietes liegen. Das hängt auch damit zusammen, wird uns später Michael Zeller, Schriftsteller aus Wuppertal und bekennender Pottrand-Bewohner, erklären, daß die Städte sich nicht wirklich gemeinsam auf das Projekt Kulturstadt 2010 vorbereitet hätten. Vielmehr sei bereits im Vorfeld Zank und Neid im Spiel gewesen; vor allem sei auch von Seiten der Organisatoren der Eindruck erweckt worden, alle hätten nur Essen zuarbeiten sollen, das sich irgendwie in die Mitte des Projektes gestellt habe. Kirchturmdenken in der „polyzentrischen Metropole“?
 
Zukunft
 
Irgendwo in Duisburg, am Rande des großen Liebesfestes, mitten im Ausnahmezustand, treffen wir in der S-Bahn einen jungen türkischen Familienvater. Zusammen mit der Frau und den drei kleinen Kindern ist er auf dem Weg nach Hause. Als er bemerkt, daß wir ziemlich ratlos über eine Stadtkarte gebeugt sind, spricht er uns an. Zu diesem Zeitpunkt wollen wir eigentlich nur mehr aus der Stadt hinauskommen. Obwohl er schon an der nächsten Haltestelle aussteigen muß, macht der Mann sich die Mühe, uns zu erklären, wo wir uns befinden, wo wir hinmüssen, welche Umwege wir wegen der Bahnsperren zu nehmen haben. Er wirkt dabei nicht so sehr bemüht höflich als vielmehr ernst,
 
sachlich und irgendwie würdevoll angesichts der Tatsache, daß er, der Einheimische, uns, den Fremden, behilflich sein kann. Obwohl doch wir wie die Einheimischen ausschauen.
 
Am Sonntagmorgen dann der Blick in die Zeitungen: das Drama von Duisburg schlägt weltweit Wellen. Schon wird von Verantwortung, Versagen gesprochen, werden Antworten eingefordert, Emotionen bemüht. Hinterher wissen es immer alle besser. Die Stadt habe sich übernommen, zu hochfliegende Pläne geschmiedet, Mängel kaschiert. Die Toten auf der Love-Parade markieren nicht nur das Ende des Techno-Festes in Deutschland, es ist auch eine Art Schlußstrich unter den

Foto © Peter Tribus/Meran  
versuchten Ruhr-Aufschwung des Jahres 2010. Der Makel von Duisburg wird bleiben. „Die Versager“ titelt ein Regionalblatt am Montag. Die Region kann nicht mehr fallen, sie liegt schon am Boden, meint Autor Michael Zeller im Gespräch mit uns dazu, bedauernd und auch etwas resigniert. Aber er erzählt nicht nur von sinkenden Einwohnerzahlen im Pott, sondern  auch von einer Solidarität, die in Ländern mit festen Besitztiteln und Erbrechten undenkbar wäre: hier sind alle irgendwie eingewandert, sagt er, keiner hat irgend etwas außer seiner Arbeitskraft. Das rückt die Menschen näher aneinander, macht sie bescheidener, hilfsbereiter, auch verständnisvoller für die Probleme der anderen.
 
Bei diesen Worten sehe ich wieder der jungen türkischen Familie auf ihrem Nachhauseweg  zu; der Vater voran, die Kinder - zwei Mädchen und ein Junge - folgen, die Mutter am Ende des kleinen Zuges. Eine Insel im Chaos dieses Tages, vielleicht aber auch eine viel größere Botschaft.
 
 
Redaktion: Frank Becker