Keine Butterfly am Karfreitag

Essen hofiert die katholische Kirche und verprellt seine B├╝rger

von Peter Bilsing und Frank Becker

© Gerd Altmann / pixelio.de
Posse oder Peinlichkeit?

Das Essener Aalto Theater darf am Karfreitag
nicht Puccinis "Madama Butterfly" aufführen


Pressemitteilung des Essener Aalto-Theaters:
 
„Auf Grund eines eingeleiteten Untersagungsverfahrens sieht sich das Aalto-Theater gezwungen, die für Karfreitag, 22. April 2011 geplante Premiere von Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ zu verlegen. Die Aufführung wird um einen Tag vorverlegt und findet nunmehr am Gründonnerstag, 21. April 2011, statt. Das Untersagungsverfahren wurde von der Stadt Essen auf Veranlassung durch das Regierungspräsidium Düsseldorf wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das NRW-Feiertagsgesetz eingeleitet.“ (Offizielle Pressemitteilung des Aalto Theaters Essen - 28.3.2011)
 
 
Schauen wir uns daraufhin einmal die für das aufgeklärte Jahr 2011 geradezu unfaßbaren Texte der Landesverfassung für NRW, zum Thema „Stille Feiertage“ an.

(1) Am Volkstrauertag sind verboten:
 
1. Märkte, gewerbliche Ausstellungen und ähnliche Veranstaltungen von 5 bis 13 Uhr,
2. sportliche und ähnliche Veranstaltungen einschließlich Pferderennen und -leistungsschauen sowie Zirkusveranstaltungen, Volksfeste und der Betrieb von Freizeitanlagen, soweit dort tänzerische oder artistische Darbietungen angeboten werden, von 5 Uhr bis 13 Uhr,
3. der Betrieb von Spielhallen und ähnlichen Unternehmen sowie die gewerbliche Annahme von Wetten von 5 Uhr bis 13 Uhr,
4. musikalische und sonstige unterhaltende Darbietungen jeder Art in Gaststätten und in Nebenräumen mit Schankbetrieb von 5 Uhr bis 18 Uhr,
5. alle anderen der Unterhaltung dienenden öffentlichen Veranstaltungen einschließlich Tanz von 5 Uhr bis 18 Uhr.
 
(2) Am Allerheiligentag und am Totensonntag sind zusätzlich verboten:
 
alle in Absatz 1 genannten Veranstaltungen von 5 Uhr bis 18 Uhr.
 
und jetzt kommts:

(3) Am Karfreitag sind zusätzlich verboten:
 
1. alle in Absatz 1 genannten Veranstaltungen bis zum nächsten Tag 6 Uhr, mit Ausnahme der Großmärkte, die bis zum nächsten Tag 3 Uhr verboten sind,
2. alle nicht öffentlichen unterhaltenden Veranstaltungen außerhalb von Wohnungen bis zum nächsten Tag 6 Uhr,
3. die Vorführung von Filmen, die nicht vom Kultusminister oder der von ihm bestimmten Stelle als zur Aufführung am Karfreitag geeignet anerkannt sind, bis zum nächsten Tag 6 Uhr,
4. Veranstaltungen, Theater- und musikalische Aufführungen, Filmvorführungen und Vorträge jeglicher Art, auch ernsten Charakters, während der Hauptzeit des Gottesdienstes. (Wessen Gott? Das ist nicht explizit erklärt. – Anm. der Redaktion)
 
(4) Bei Rundfunksendungen
 
ist während der Zeit von 5 Uhr bis 18 Uhr (Absätze 1 und 2) und von 0 Uhr bis zum nächsten Tag 6 Uhr (Absatz 3) auf den ernsten Charakter der stillen Feiertage Rücksicht zu nehmen. (Zitat Gesetzestext Ende)
 
Zurück zur Realität.
 
Bisher war man da ja der modernen Zeit geschuldet relativ tolerant bei den Ausführungs- bzw. Überwachungsbehörden, man sah das eher locker und wurde nur auf ausdrückliche Anzeige tätig. Es ist nur eine pressewirksame Ausnahme aus den letzten Jahren bekannt, und die betraf den Ex-Regierungspräsidenten Franz-Josef „Rambo“ Antwerpes.
Antwerpes (damals unvermeidlicher Dauergast und Unendlichkeits-Schwafler in jeder Talkshow, Sozialmieter und Büttenredner), wollte der Kölner Oper plötzlich den "Parsifal" am Karfreitag verbieten lassen, nachdem dieser fast 40 Jahre lang an diesem Datum gespielt worden war. Einer Travestie-Show, die seine holde Gattin organisiert hatte, stand er hingegen tolerant gegenüber. Darauf von Journalisten angesprochen, beschimpfte er diese auf übelste Art und Weise - wörtlich "Ihr seid Arschlöcher, die so groß sind, daß man mit einem Lastwagen durchfahren kann!"
 
Aber hier in Essen gibt es andere Hintergründe:
 
Der Ruhr-Bischof von Essen, Franz-Josef (Aha!) Overbeck steht der Aalto Oper höchst kritisch gegenüber, nachdem bis vor Jahren moderne Regisseure, wie Hilsdorf & Co. in fast jede Inszenierung kirchenfeindliche Accessoires einbauten - drehende Kreuze, schwarze Messen, Nackte, Bischöfe ... etc.
Nun hat die Kirche ja, wie im finstersten Mittelalter auch heuer noch überall Spione und Denunzianten sitzen; diese flüsterten den Kirchenoberen, daß Wut-Regisseur Tilmann Knabe mal "große „Sauereien" in dieser  Butterfly-Produktion inszenieren würde. So nahm die Geschichte ihren Lauf. Und da die lokalen Politiker (GMD) Stefan Soltez ohnehin fürchte wie der Leibhaftige das Weihwasser, war dies ein gefundenes Fressen, um ihm eins auszuwischen. "Da hast Du! Stefan!" Wenn es nicht so beschämend und traurig wäre, es könnte augenzwinkernd als provinzielle Lachnummer durchgehen ...mal wieder!
 
Offener Brief
 
In diesem Zusammenhang ist vielleicht der offenen Brief, den GMD und Chefintendant Stefan Soltesz anno 2010 geschrieben hatte interessant, denn dies erklärt vielleicht die prompte und schnelle Reaktion der Beweihräucherer.
 
„Offener Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Essen, Herrn Reinhard Paß
An den Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks Düsseldorf, Herrn Jürgen Büssow
An den Kämmerer der Stadt Essen, Herrn Beigeordneten Lars Martin Klieve
 
(Es sind übrigens selbige Herren, die den Intendanten der Philharmonie, Herrn Bulthaupt, mit der gleichzeitigen Übernahme der Opernintendanz ab 2013 für eine Vertragsverlängerung ködern wollten - selbstverständlich ohne mit Stefan Soltesz vorher über dessen Vertrags-Nichtverlängerung auch nur andeutungsweise gesprochen zu haben. Ja ja - Schilda liegt nicht weit. Anm. d. Red.)
 
Sehr geehrte Herren,
 
die dramatische Schieflage der kommunalen Haushalte stellt Sie in Ihren Ämtern vor fast unlösbare Aufgaben. Es ist Ihr gutes Recht und wohl auch Ihre politische Pflicht, die Öffentlichkeit über die Medien auf unabdingbare Einschnitte in öffentlichen Leistungen hinzuweisen. In fataler Gleichstimmung nennen Sie beim Thema Haushaltskonsolidierung stets an vorderster Stelle und in besonderer Ausführlichkeit die Aufwendungen für Kultur. Sie, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, bringen eine spezielle Kulturtaxe ins Spiel; Sie, sehr geehrter Herr Regierungspräsident, empfehlen Schließungen und Fusionen von Theatern; Sie, sehr geehrter Herr Beigeordneter Klieve, vergleichen künstlerische Betriebe mit kommerziellen Unterhaltungsstätten. Die Ideen und Akzente wechseln, aber stets ist das kulturelle Leben der Stadt und der Region Ihr bevorzugtes Argumentationsfeld. Die Kultur wird zum Sündenbock gemacht.
 
Der Öffentlichkeit suggerieren Sie beständig einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Kulturförderung und Haushaltskrise und erwecken den Eindruck, das eine sei die Ursache des anderen. Ich kann nur hoffen, daß dies nicht aus Absicht geschieht. Tatsache ist: Die Kultur wird so zu einem Hauptverantwortlichen für die finanzielle Malaise der Kommunen gestempelt.
 
Daß die Kultur dies nicht ist, wissen Sie genau. Selbst bei völliger Streichung der Kulturförderung wäre eine Haushaltskonsolidierung auch nicht ansatzweise erreicht. Die Staatsausgaben für Kultur in Deutschland betragen über alle öffentlichen Haushalte hinweg 0,8 Prozent der Etats. Ich appelliere daher dringend an Sie, das Thema Kultur weit hintanzustellen, wenn Sie über Haushaltssanierung diskutieren. Denn dort kann die Kultur ausnahmsweise lediglich einen bedeutungslosen Rang einnehmen.
 
Gerade im Jahr der Kulturhauptstadt RUHR.2010 kann es mir und meinen Mitarbeitern nicht gleichgültig sein, unterschwellig als Verschwender der raren öffentlichen Gelder gebrandmarkt zu werden. Daß es für mich und mein Haus selbstverständlich ist, mit den uns anvertrauten Mitteln sorgfältig und sparsam umzugehen, belegen unsere im nationalen wie regionalen Vergleich hervorragenden Kennzahlen. Ebenso selbstverständlich beteiligen wir uns konstruktiv an allen Gesprächen über machbare und verantwortbare Veränderungen. Aber wir erwarten auch Fairness in der Diskussion über die Sanierung kommunaler Haushalte. Die ständige Thematisierung der Kultur im Zusammenhang mit der Finanznot der Städte empfinde ich als unrichtig, beinahe demagogisch.                            
 
Mit freundlichen Grüßen                               
gez. Stefan Soltesz“
 
Alles klar!?
 
Dafür bekam er jetzt die Quittung, denn er hatte bei den Politik-Cowboys der Stadt Essen noch etwas – wie wir Rheinländer sagen – im Salz liegen.

Unser Fazit: Kirche raus aus der Oper und dem nichtkirchlichen öffentlichen Leben!
 
Warum will mir mein katholischer Nachbar meinen Feiertag vermiesen, indem er mir an seinem Feiertag verbieten läßt, in die Oper zu gehen? Ich reiche ja auch nicht Klage gegen das aufdringliche Kirchengeläut ein, das letztenendes als ungehörige Ruhestörung eine echte(!) morgendliche Lärmbelästigung ist und meinen Sonntagsfrieden empfindlich stört und mir auch unter der Woche den verdienten Schlaf nach Nachtschichten raubt. Wenn er in sein Gotteshaus geht, um zur Orgel fromme Lieder zu singen, zerre ich ihn dann vor den Kadi? Was ist das nur für eine verkehrte, bigotte Welt. Aber vielleicht müssen die Kirchenfürsten ja so einen karfreitäglichen Lärm schlagen, damit man im Zusammenhang mit der katholischen Kirche mal über etwas anderes spricht als über sexuelle Entgleisungen von Päderasten in Soutanen.
 
Feiert Eure Kirchenfeste in Frieden in Euren viel zu teuren Kirchen, die wir, notabene, alle ohnehin ungefragt per Kirchensteuer mit finanzieren, und laßt uns in ebensolchem Frieden unsere Kultur in unseren Tempeln genießen.
Bei der Streichung aller kirchlichen Feiertage, die uns vom Klerus aufgezwungen werden, würde es übrigens auch unserer Wirtschaft besser gehen. Wir verlangen eine klare Entflechtung von kirchlichen und staatlichen Belangen.
 
Die WAZ schreibt dazu:
 
Noch eins: die Westdeutsche Allgmeine Zeitung (WAZ) hat am 28. März in ihrem Online-Portal einen trefflichen Kommentar von Kai Süselbeck dazu veröffentlicht, den wir hier mit freundlicher Erlaubnis auszugsweise zitieren:
 
Essen. Auf Weisung der Bezirksregierung Düsseldorf hat das Ordnungsamt Essen die Premiere von Puccinis "Madama Butterfly" am Karfreitag im Aalto verboten. Grund ist das NRW-Feiertagsgesetz. Generalmusikdirektor Stefan Soltesz hat Anwälte eingeschaltet.
 
Riesenärger im Aalto-Theater: Das Ordnungsamt hat der Theater und Philharmonie (TUP) die Premiere von Puccinis „Madama Butterfly“ am Karfreitag verboten. Die Weisung kam von der Bezirksregierung Düsseldorf, die auf das NRW-Feiertagesgesetz pocht. Generalmusikdirektor Stefan Soltesz hat Anwälte eingeschaltet und lässt rechtliche Schritte prüfen.
 
„Es geschehe Gerechtigkeit, und wenn die Welt untergehe.“ (Kaiser Ferdinand I.)
 
Grundlage des Streits ist § 6 des Feiertagesgesetzes NRW. Es verbietet an Karfreitag unter anderem „alle der Unterhaltung dienenden öffentlichen Veranstaltungen einschließlich Tanz“ bis Ostersamstag 6 Uhr. Regierungspräsident Jürgen Büssow, Vorgänger der jetzt amtierenden Anne Lüttges, hatte schon 2005 klargestellt: Dazu gehören auch Theateraufführungen. Und: Die Ordnungsbehörden der Kommunen hätten für die Einhaltung des Verbotes zu sorgen.
Die Stadt ist mit dem Vorgang gar nicht glücklich. Aber was soll sie machen? „Wir finden das auch nicht gut, aber wir mussten handeln“, heißt es im Ordnungsamt. Denn die Aufforderung der Bezirksregierung war höflich, aber eindeutig: „...bitten wir dafür Sorge zu tragen, dass diese Veranstaltung nicht stattfindet.“
 
„Mir graut vor so viel Wohlanständigkeit.“ (Hendrik Ibsen, Die Stützen der Gesellschaft)
 
Brav schrieb das Ordnungsamt also der TUP mit Datum vom 28. Februar: Es stehe „außer Zweifel“, dass es sich bei Puccinis Tragödie „in erster Linie“ um Unterhaltung handele. Die Behörde beabsichtige deshalb, die Premiere zu untersagen. Die TUP habe bis zum 21. März Gelegenheit, sich zu äußern. Stadtsprecher Detlef Feige: „Das hat die TUP nicht getan, folglich ist das Verbot jetzt in Kraft.“
 
„Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen.“ (Mozart, Zauberflöte)
 
Die Butterfly diene nur der Unterhaltung? Ein empörter GMD Stefan Soltesz weist den Vorwurf „schärfstens“ zurück. Aber was hilft es? Vergeblich verweist Soltesz darauf, am Aalto werde zu Karfreitag seit mehr als zehn Jahren Oper oder Ballett auf die Bühne gebracht. Mit Zorn im Bauch blickt Soltesz nach Köln. Dort spielt man nämlich an Karfreitag, und zwar der „Parsifal“…
 
Den vollständigen Text können sie hier lesen  : www.derwesten.de/
 
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