Eine Frau lieƟ mich beim Friseur vor

Aus dem Tagebuch

von Erwin Grosche

Foto © Frank Becker
Eine Frau ließ mich beim Friseur vor
 
Eine Frau ließ mich beim Friseur vor. Sie war nicht mein Typ - sie ließ mich halt vor. Ich steh auf Blondinen, die streng sind und kalt. Sie war sehr freundlich, stand von ihrem Platz auf und überließ ihn mir. Ich war gerührt. Sie pickte mich heraus aus all den Wartenden und schenkte mir ihre Zeit. Ich habe sie im Spiegel beobachtet. Sie las eine Zeitung, während ich ihr die Zeit stahl. Klug ist sie auch noch, dachte ich. Ich habe ihr dann eine Rose gekauft. Das war das Wenigste. Ich ging also noch mal in dieses Haarschneidestudio und überreichte sie ihr. Rose zu Rose. Da hat sie sich gefreut. Sie hat sich gar nicht mehr eingekriegt. Ihr wurden gerade die Haare gewaschen und sie schüttelte sich dabei wie ein Hund. Das hat mich schon beeindruckt.

Ich kenne einen Freund, der leitet ein Streichquartett, den habe ich angerufen, daß er der Frau aufspielt, während sie sich die Haare schneiden läßt. Er kam dann mit seiner Combo und spielte was von Bach. Ich habe dirigiert. Das hat so einen Spaß gemacht. Sie hatte eine Plastikhaube auf dem Kopf und summte mit. Sie hat mich angeschaut, als wäre ich Karajan. Ich kann gar nicht dirigieren. Ich tat nur so. Ich wollte ihr nur meinen Dank zeigen. Ich vergesse keine guten Taten. Später habe ich einen befreundeten Kellner gebeten sie zu fragen, ob sie Hunger hat. Er hat sie bewirtet, während sie auf ihre Blondierung wartete. Ich habe sogar mitgegessen. Es gab Champagner und frische Austern. Später stand sie dann auf, schüttelte ihre blonden Haare und blickte mich nicht an. Ich habe mich sofort in sie verliebt. Wie gesagt: Ich mag Blondinen, die streng sind und kalt. 
 


© Erwin Grosche - für die Musenblätter 2011