Schwer zu sehen

Ausstellung: Ike Vogt, Harald Hilscher, Klaus K├╝ster in der Sparkasse Wuppertal

von Andreas Steffens

Andreas Steffens - Foto © Frank Becker
Schwer zu sehen
Ike Vogt, Harald Hilscher, Klaus Küster:
„Nie schauen wir die Idee  - oder:
die Freiheit von Angesicht zu Angesicht.“
Stadtsparkasse Wuppertal,
Forum Islandufer, 22.02.2012
 
       Aschermittwoch. Und wieder einmal ist schon wieder ‚alles vorbei’. Am Morgen noch bedauert, bringt der Abend Erleichterung: die Druckschmerzen lassen nach, die die Pappnasen ins Fleisch schnitten, die Heiserkeit als Preis gebrüllter Heiterkeit nimmt ab, die Anflüge von Rippenprellungen gehen zurück, die die Ellbogen schunkelnder Nachbarn hinterließen. Nun also gilt’s: carne valet, Leb’ wohl, mein Fleisch. Alle Jahre wieder. Ohne Entkommen. Nun beginnt die lustarme Fastenzeit, bis der Osterjubel ausbricht, und den Lämmern zum Verhängnis wird.
Was gerade noch als Brauchtum bekannt ist, hat seinen Ursprung nicht nur in rheinischem Frohsinnszwang, vor dessen katholischer Unbekümmertheit den Bergischen Menschen protestantische Strenge schützt, deren Fastenzeit ein Leben lang währt. Was der Karneval als Durchdringung von dogmatischer Religion und magischem Volksbrauch einst bändigte, ist die eingreifendste aller Erfahrungen: der Abschied. Die ewige Wiederkehr des Endes, die das Leben zu Leben doch erst macht, sie wäre zum Verzweifeln, gäbe es nicht die periodisch wiederkehrende österliche Verheißung der Auferstehungslust, der Wiederkehr im Fleisch.
Was das mit der Kunst, dieser Kunst zu tun habe?
Erstaunlich viel. Den Gesichtspunkt des Endens und Beginnens genau im Blick, ließe sich sagen, daß Künstler eine Art Ganzjahreskarnevalisten seien. Neid braucht jedoch nicht aufzukommen: es geht dabei nicht immer nur lustig zu, und die Herstellung eines Werkes ist mindestens so anstrengend wie eine Festsitzung mit Dreigestirn.
Im Ernst: Die Künste gehören zu derselben Art Kulturleistung wie der urreligiöse Brauch des Karnevals. Und das nicht nur, weil sie jahrhundertelang in Bilder zu fassen hatten, was als Glaubensinhalt das Leben ordnete. Gelebt, gestorben, auferstanden – in reiner Abstraktion genommen, ist diese Abfolge die genaue Bezeichnung des künstlerischen Prozesses: wahrgenommen, gestaltet, abgelegt, und neu begonnen.
Künstler sind Virtuosen des Beginnens. Eine Arbeit wird abgeschlossen, oder beiseitegelegt, um eine andere beginnen zu können. Das Ziel der einen, ist immer die nächste. Mit jeder neuen Arbeit wird die Verzweiflung über die Unvermeidlichkeit der Abschiede überwunden. Deshalb gibt es die Neigung zum Seriellen, die Steigerung des Einen in der Vervielfachung.


Klaus Küster, Ventilazione (Detail) - Foto: Katalog
Eindrucksvoll wird das hier belegt von Ike Vogts Installation aus 106 Kugelbildern, übertroffen von den 215 „ventilaziones“ Klaus Küsters, und die graphischen Teppiche der Objekte Harald Hilschers bestehen allesamt aus feinst gewobenen Reproduktionen eines einzigen, oft winzigen Motivs.
Künstler kennen keine endgültigen Abschiede. Denn sie sind überzeugt davon, daß nichts enden kann, weil noch gar nichts wirklich begonnen hat; daß noch nichts und niemand wirklich bei sich ist, am wenigsten, wenn einer gerade davon überzeugt ist, es unerschütterlich zu sein; überzeugt sind sie davon, daß nichts und niemand ist, wie es scheint, obwohl doch alles Schein ist, da wir von allem nur in Erfahrung bringen können, wie es uns in den Sinnen und im Sinn erscheint. Erst das Wahrgenommene ist wirklich; aber das Wirkliche kennen wir nur als Teil unserer Wahrnehmung, auf die kein Verlaß ist, da nichts so täuscht wie die Sinne.
Als Sinnesakrobaten, die den Sinnen vertrauen, gerade, weil sie wissen, daß sie trügen, man den Trug aber durch keine Wahrheit jenseits der Sinneswirklichkeiten ersetzen kann, wollten diese drei Künstler ihrer Ausstellung den Titel „Nicht sichtbar“ geben. Da jedoch zu befürchten war, daß wir dann heute Abend hier alleine gewesen wären, was nicht Sinn einer Ausstellung sein kann, versteckte ich die Parole in dem Satz des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty, welcher der Ausstellung dann den Titel gab: „Nie schauen wir die Idee oder die Freiheit von Angesicht zu Angesicht.“
Da haben wir Sie also ein wenig hinters Licht geführt. Sie werden es uns hoffentlich nachsehen. Denn wer hinter der Lichtquelle dessen steht, der wird keinen Schatten werfen auf das, was er sieht.
Und genau um diese Verhältnisse des Sehens und ihrer bildnerischen Erkundung geht es in den Einsätzen dieser Künstler.
„Von Angesicht zu Angesicht“: was im Auge erscheint, will Wirklichkeit haben für den, der es sieht. Weshalb es das größte Glück ist, den Blick, den wir auf jemanden richten, erwidert zu finden, womöglich für ein gemeinsames Leben lang, wenn die Illusion auf Gegenseitigkeit mitspielt: sichtbar zu werden, indem wir sehen. Nicht immer entsteht in diesem Moment Liebe; aber immer ist es ein solcher, wenn sie entsteht. Geliebt wird, wer sich im Auge des anderen sieht.
Der erwiderte Blick macht wirklich, und verbindet mit der Welt. Nie habe ich dem Treiben dieser Welt / viel Aufmerksamkeit gezollt: / dein Antlitz erst hat sie / für meinen Blick verschönt, heisst es in einem Gedicht des Hafis, um ein Zeugnis aus einer fernen Kultur anzuführen, die mir in persönlichster ‚Globalisierung’ sehr nahe kam.
Der absolute Vorrang des Auges in allen unseren Weltbeziehungen ist die unabweisbare Erbschaft der Menschwerdung. Um (über)leben zu können, muß gesehen werden. Das gilt auch hochzivilisatorisch noch – oder besser: wieder - : wer als zweiter sieht, droht als erster zu sterben (Jede längere Fahrt über eine deutsche Autobahn mahnt unübersehbar daran.).
Aber es ist schwer, zu sehen, gerade weil es für unsere Lebensmöglichkeit unerlässlich ist.
Wir sind mit dem Unsichtbaren näher als mit dem Sichtbaren verbunden, lautet eines der Fragmente des Erzromantikers Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, wie denn die Romantik überhaupt der unerschöpfte Fundus aller ästhetischen Bemühungen der Moderne geblieben ist.
Folgerichtig ist auch heute noch jeder Künstler vor allem sonst ein Erforscher der Sichtbarkeiten, ein Laborant der Erscheinungen. Das Erbe der Impressionisten, die die Malerei zur Wissenschaft vom Sehen machen wollten, ist längst nicht erschöpft. Es erweist seine ‚Aktualität’, seitdem das Urgesetz des Überlebens in der Steppe sich im Dschungel der elektronischen Zivilisation erneuert, die ihre Wirklichkeiten in Bildsimulationen, in Vortäuschungen auflöst.

Harald Hilscher, PIFF! - Foto © Frank Becker
In einem ihrer seltenen Texte (>naturtOn<, mit Holzschnitten von Hedda Wilms, Zweibrücken 1997) heißt es einmal bei Ike Vogt: tönendes licht / leuchtender ton . Mit diesem Zweizeiler gab sie die denkbar präziseste Kennzeichnung der Arbeit Harald Hilschers. Er ist davon durchdrungen, daß nur das, was man ‚Synergie’ nennt, die Lebensleistungsmöglichkeiten der Sinne verwirklicht. Seine Bildnerei folgt dem Grundsatz: Wer sehen will, muß hören.
Die Collage-Technik eines Max Ernst mit akustischen Zitaten aus der Alltagswelt des Gehörs erweiternd, hat Harald Hilscher den Surrealismus zum Klingen gebracht. Filmminiaturen, die er den Collage-Bildern einfügt, erzeugen in ihrer Entgegensetzung zum asketischen Schwarz-Weiß, das den Eindruck der Hör-Bild-Collagen weitgehend bestimmt, eine ungemeine Spannung, die die eigenen Sinne auf unruhige Erkundungen schickt. Dabei sind die Wirkungen der Pop-Kultur unübersehbar und unüberhörbar, nicht nur im fröhlich bunt leuchtenden und plärrenden „Piff“, der Resonanz der amerikanischen Comics unserer Umerziehungskindheit, die unseren Welthorizont bis zum Hindukusch erweitern sollte.
Hörend sehend, und sehend hörend, entfaltet das Licht, das wiederum an das Auge appelliert, in dem alle möglichen Farben gebunden und durch seine Brechung im Prisma hervorkehrbar sind, seine auratische Wirkung. Die eingeschränkte Sinnlichkeit erweist sich als ihre subtile Aktivierung.
 
Der Herausforderung des elektronischen Bildes, das Hilscher in seine Collagen ironisch integriert, stellt Klaus Küster sich mit den ebenso klassischen Mitteln der Fotografie und des Fotogramms. Hätte er eine Maxime, so wäre es das erste Lob der ‚Oberfläche’, das Hugo von Hofmannsthal 1922 in seinem >Buch der Freunde< formulierte: Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche.
Genau das geschieht in den „ventilaziones“. In ihnen verbindet Küster klassische Papierfotografie mit Miniaturräumen zu plastischen Kleinobjekten: Ausschnitte aus dem Foto, das die Oberfläche eines flachen Raumes bedeckt, öffnen diesen zum Durchblick ins Innere eines Raumes hinter dem Bild. Dessen Dunkelheit jedoch läßt unsichtbar bleiben, was sich in ihm befinden mag. Die durchbrochene Oberfläche des Lichtbildes, das die optische Welt in einem Ausschnitt erfasst, leitet den Blick in die undurchdringliche Dunkelheit des Seins ‚dahinter’. Die Bilder selbst sind Dunkelkammern. Das Geheimnis jedes Bildes ist die Unsichtbarkeit dessen, was es zeigt. Jedes Bild ist ein Triumph des Auges über die Unsichtbarkeit, des Lichts über die Dunkelheit.
 
Im Mai 1944, als er nach dem gültigen Ausdruck seiner kalligraphischen Tuschezeichnungen suchte, schrieb Julius Bissier, einer der großen ‚Asiaten’ der deutschen Moderne in sein Tagebuch: Meine Arbeiten (wollen) echte ‚Zeichen’ sein. Ich wüsste keine bessere Kennzeichnung für die Arbeit Ike Vogts. Durch die harte Schule Rolf Sackenheims an der Düsseldorfer Akademie, dann einer eigenen konzeptuellen Objektkunst, schließlich der japanischen Literatur, soweit sie in Europa bekannt wurde, gegangen, ist Ike Vogt seit langem in strenger und konzentrierter Klarheit in ihrem eigenen ‚Reich der Zeichen’ unterwegs. Unverkennbar wirkt auch hier die asiatische, die kalligraphische Inspiration.

Ike Vogt, o.T. - Foto © Frank Becker
Doch dabei handelt es sich um keine ‚Auseinandersetzung’ mit japanischer Kultur. Wenngleich es eine authentische Beziehung zu ihr gibt: die „Kyogis“, die Vogt als Bildträger für ihre computergenerierten abstrakten Zeichnungen benutzt, sind traditionelle japanische Alltagsutensilien, hauchdünne Holzabschnitte, die auf dem Land noch heute als Einwickelstoff für Lebensmittel dienen.
Das Japan, das man in ihnen wiederzuerkennen meint, aber ist selbst ein ‚Zeichen’. Ein Zeichen für das Bedürfnis nach einer anderen Wahrnehmung, die dazu fände, ihre Aufmerksamkeit so zu schärfen, daß die Dinge in ihren Bildern nicht verschwänden, wie im wahnsinnigen Bildertaumel der elektronischen Parallelwelten, sondern sich wesentlich zu erkennen gäben. Die immer weiter reduzierten Zeichnungen erträumen ein ‚Reich’, das sich in den Dingen und in uns, die wir mit ihnen leben, ohne sie wahrzunehmen, befindet: terra incognita des Un-Gesehenen im täglich Angeschauten.
Vogts astronomisch anmutende Installation ihrer Kugel-Tusche-Bilder führt das erhaben-schön vor Augen. Auf die unendliche Fläche der Kugel gezeichnet, sind sie in ihrer Fixierung an der Wand nur von einer Seite sichtbar: ihre Rückseite halten sie verborgen, wie der Mond die seine für das Auge der Erdbewohner.
Und leben wir nicht alle auf unserem eigenen Mond, mit unbekannten Rückseiten für uns selbst; selbst unseren Nächsten zwar vertraut, aber nicht wirklich bekannt? So sehr, daß wir uns immer wieder drehen und wenden müssen, wie Ike Vogts Bilderkugeln, um uns und unsere Nächsten etwas besser zu verstehen?
Das kann sogar zu einer Lebensmaxime werden, so existentiell, wie jeder authentische Kunsteinsatz immer ein Lebenseinsatz ist. Formuliert hat Paul Auster sie, der europäischste unter den amerikanischen Schriftstellern unserer Zeit, in einem seiner Romane, die ganze philosophische Bibliotheken aufwiegen: Du kannst dich nie auf einen Weg festlegen, und überleben kannst du nur, wenn du nichts nötig hast. Du mußt auf der Stelle haltmachen, dein Vorhaben fallenlassen und umkehren können. Schließlich gibt es nichts, was es nicht gibt. Und darum mußt du lernen, die Zeichen zu deuten (Paul Auster, Im Land der letzten Dinge. Roman, 1987, Reinbek 1989, 14).
Das aber heißt, sehen zu lernen, was sich dem Auge verbirgt. Von diesem „Nicht-Sichtbaren“ handeln diese drei Künstler in ihren Lebenseinsätzen.

Nach dem Krieg sollte eine der ersten Ausstellungen des erwähnten Julius Bissier im legendären ‚Studio’ von Heinz Rasch, nur wenige hundert Meter von hier angesiedelt, stattfinden, bevor Werner Schmalenbach ihm zu spätem, ruinösem Ruhm verhalf, wie auch Wols seine erste Nachkriegsausstellung im Von-der-Heydt-Museum hatte, dessen fotografierte Alltagsplastiken zu den unmittelbaren Inspirationen der Arbeit Klaus Küsters gehörten, und Günther Aust öffnete das Museum der Pop- und Conceptual-Art schon früh, die zu den Herkünften der Arbeit Ike Vogts wie Harald Hilschers gehören. Diese Stadt, die so wenig von sich hält, und noch weniger von sich weiss, hat mehr Kunst-Geschichte in Kontinuität, als sie wahrhaben will. Auch deshalb ist diese Ausstellung seit langem fällig gewesen. Damit aus dem, was da ist, ein Besitz werden kann.


v.l.: Andreas Steffens, Harald Hilscher, Ike Vogt, Klaus Küster - Foto: Katalog
 
© 2012 Andreas Steffens

Redaktion: Frank Becker