Erfrischend
Tamar Halperin „Teaches Old Standards New Tricks“*
Mit Werken von: Johann Sebastian Bach (1685-1750) , Francesco Tristano (geb. 1981), Alessandro Marcello (1669-1747), Dieterich Buxtehude (1637-1707), Idan Raichel, Craig Armstrong (geb. 1959), Omer Klein (geb. 1982), Michael Wollny (geb. 1978), Girolamo Frescobaldi (1583-1643)
Bei diesem außergewöhnlich reizvollen Album der israelischen Pianistin Tamar Halperin, das nach einem 35-sekündigen Intro mit Premierengeplapper aus dem Foyer mit einer auf J.S. Bachs Menuett BWV 829.5 basierender Eigenkomposition (sie nennt solche Stücke „Baustelle“, hier #1) beginnt, spitzt man von Stück zu Stück gespannter die Ohren. Ein sehr angenehmer Anfang, der den Hörer nicht so unmittelbar mit der Musik konfrontiert wie es sonst der Fall ist). Hier wird besondere Kost geboten, z.B. die folgende, atemberaubende Toccata von Francesco Tristano (2021), von Halperin nachkomponiert, in hohem Tempo auf dem Klavier virtuos durcheilt und zierlich in einer Cembalo-Passage ausklingend. Baustelle #3, aufgebaut auf Johann Sebastian Bachs Adagio BWV 944.2 in der Bearbeitung von Alessandro Marcello, ist eine sanfte, zärtliche musikalische Praline. Mit frischem Tempo läßt die Künstlerin eine fast rasende Sythesizer-Version von Dietrich Buxtehudes Miniatur Canzonetta BuxWV 225 folgen, der sich fingerfertig Baustelle #4 nach Bachs Präludium BWV 926 auf dem Klavier anschließt.
Mit dem Titelstück „Ground“ von Idan Raichel (2022), eine Premiere, tritt eine fast behäbige, im barocken Volkston gehaltene Melodie auf den Plan, bevor Baustelle #2 wieder J.S. Bach zitiert, hier das Präludium BWV 999 auf dem Klavier, in einer kurzen Passage von Computerklängen untermalt. Es ist phantastisch, mit welch ungewöhnlichen Mitteln Tamar Halperin das Bachsche Werk wirkungsvoll interpretiert. „In daylight variation“ von Craig Armstrong aus dem Jahr 2022, auch eine Premiere, erinnert, mit viel Pedal gespielt, eher an eine Moonlight Variation, doch ebenso mitnehmend wie alle anderen Stücke, z.B. Omer Kleins leise Petitesse „Forgotten song“ (2023), die hier ebenfalls ihre Erstaufführung feiert und Michael Wollnys „Mesmer“ (2009), das Halperin simultan auf verschiedenen Keyboards, Klavier und Cembalo eingespielt hat, um dessen luftige Leichtigkeit zu illustrieren. Übrigens eine neue Version, im Original hatte sie das Stück bereits 2009 gemeinsam mit dem Komponisten für das Album „Wunderkammer“ aufgenommen. Die Toccata prima von Girolamo Frescobaldi (1615) rundet auf einem Cembalo gespielt das köstliche Programm von „Ground“.
Eine erfrischende, begeisternde wunderbare knappe Dreiviertelstunde von und mit Tamar Halperin, von den Musenblättern abermals mit ihrem Prädikat, dem Musenkuß belohnt.
* diese pfiffige Zeile habe ich mir von Billy Stewart ausgeliehen.
Tamar Halperin - Ground (Toccatas & Ambients)
© 2025 Neue Meister / Edel Music (CD)
Tamar Halperin (Klavier, Analog Synth, Modular Synth, Cembalo, Rhodes, Computer)
1. Intro (Tamar Halperin / Johann Sebastian Bach - Auszüge aus Präludium BWV 924) - 2. Baustelle #1 (Tamar Halperin / Johann Sebastian Bach - basierend auf Menuett BWV 829.5) - 3. Toccata (Francesco Tristano / recomposed Tamar Halperin) - 4. Baustelle #3 (Tamar Halperin / Johann Sebastian Bach / Alessandro Marcello - basierend auf Adagio BWV 944.2) - 5. Canzonetta BuxWV 225 (Dieterich Buxtehude) - 6. Baustelle #4 (Tamar Halperin / Johann Sebastian Bach - basierend auf Präludium BWV 926) - 7. Ground (Idan Raichel) - 8. Baustelle #2 (Tamar Halperin / Johann Sebastian Bach - basierend auf Präludium BWV 999) - 9. In daylight variation (Craig Armstrong) - 10. Forgotten song (Omer Klein) - 11. Mesmer (Michael Wollny) - 12. Toccata prima (Girolamo Frescobaldi)
Gesamtzeit: 42:30
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