Sachlich – magisch - visionär

Carl Grossberg im Wuppertaler Von der Heydt-Museum

von Johannes Vesper

Carl Grossberg, Selbstporträt 1928 - Privatsammlung
Sachlich – magisch - visionär
 
Carl Grossberg 
im Wuppertaler Von der Heydt-Museum
22.3.-30.8.2026
 
Von Johannes Vesper
 
Das Plakat dieser großen Ausstellung zeigt sein Selbstporträt von 1928 als Brustbild mit kurzem Haarschnitt frontal von vorne. Den Blick hat er konzentriert geradeaus auf den Betrachter gerichtet. Mit der rechten Hand hält er einen spitzen Pinsel leicht nach links oben gerichtet. Mit weißem Hemd, roter Krawatte und dunkler Jacke oder Mantel ist er streng korrekt gekleidet. Links fällt der Blick des Betrachters durch ein offenes Fenster auf blauen Himmel und gelbgrüne Landschaft, rechts auf eine (Bohr-?) Maschine vor blaßgrüner Wand. Mit seiner kühlen, exakten, genauen Malerei ist Carl Grossberg neben Otto Dix, Franz Radziwill und Conrad Felixmüller ein wichtiger Vertreter der Neuen Sachlichkeit, welche Kunstrichtung sich in den 1920er Jahren entwickelte. Der Begriff wurde von Gustav Friedrich Hartlaub bei der Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit“ in Mannheim 1925 geprägt. Auf den großen Ausstellungen dazu im Centre Pompidou, in New York war Grossberg stets vertreten. Seine exakten Visionen auf die Lebens- und Maschinenwelt zwischen den Weltkriegen, seine Traumbilder auf die Ängste der Zeit und seine magischen Schatten in Stadt und Land haben nachfolgende Fotografen und Künstler inspiriert z. B. Bernd und Hilla Becher, Thomas Ruff oder Konrad Klapheck, welchen kunstgeschichtlichen Linien in der Ausstellung nachgegangen wird. In Wuppertal ist sein Bild „Eisenbahnbrücke über die Schwarzbach“ sehr bekannt. Eine Entdeckung aus dem Fundus des Von der Heydt-Museums sind dagegen kleine Aquarelle mit Ansichten Elberfelds.
 

Carl Grossberg, Elberfeld 1920 - Privatsammlung

Denn hier wurde Carl Grossberg 1894 als Georg Carl Wilhelm Grandmontagne geboren, der Familienname 1913 eingedeutscht. Im 1. Weltkrieg wurde er verschüttet, konnte aber trotz seiner Verletzungen 1919 sein Studium der Malerei in Weimar aufnehmen, wo sein wichtigster Lehrer Lionel Feininger wurde. Nach zwei Jahren zog er nach Sommerhausen am Main, wo er die Violinistin Mathilde Schwarz heiratete. Von dort reiste er 1925 zu Studienzwecken nach Amsterdam, stellte 1926 in Würzburg und 1927 in Berlin bei der Galerie Nierenberg aus. Schon vor Beginn des 2. Weltkriegs wird er zum Militärdienst eingezogen. Nach einem Autounfall in der Nähe von Laon/Frankreich erschießt er sich im Oktober 1940 mit seiner Dienstwaffe.
 
Aus seiner Malerei ist das Verhältnis zu Nazi-Deutschland nicht eindeutig zu erschließen. „Industrielandschaft“, das riesige Wandgemälde von 1934 für die Ausstellung Deutsches Volk - Deutsche Arbeit in den Ausstellungshallen am Berliner Messedamm hat nur in Entwürfen überlebt, die in die der Ausstellung auch zu sehen sind. Die lünettenhafte Rahmenform entspricht der Architektur der damaligen Ausstellungshalle II. Gemalt wurde hier Großdeutschland mit gewaltigen Industrieutopien, Hochöfen, Verwaltungsgebäuden und zwei Flugzeugen im nördlichen Ruhrgebiet (Dortmund) vor dem Teutoburger Wald im Hintergrund (siehe Schrift auf Skizze 10). Das Bild könnte als Ausdruck der Identifikation des Malers mit NS- Vorstellungen gedeutet werden.
 

Carl Grossberg, Brücke über die Schwarzbachstraße1927 - Foto: Medienzentrum Wuppertal

Aber die anrührende Zeichnung Seiltanzende Maschine mit Schatten vom 30.1.1933 am Tag der Machtübernahme zeugt von Skepsis und Sorge. Wird das gespannte Seil die viel zu schwere Maschine halten? Welches Schicksal erlebt der am Boden liegende schwarze Schatten? Wolken und Sonne (oder Mond?) hellen die Stimmung nicht auf. In dem rätselhaften und unheimlichen Gemälde Ohne Titel (Traumbild) 1932/33 verdüstert sich die Stimmung weiter: Bedrohliche dunkle Wolkenformationen am dramatischen Himmel mit Flugzeuggeschwader und Raubvogel alptraumartige, beißwütige Fabelwesen, ein einsamer Mensch mit schwarzem Schatten auf leerer Straße neben Wolkenkratzer, im Hintergrund Industrieanlagen lassen nichts Gutes ahnen. Merkwürdig steht zweckfrei der nach oben hin sich auflösende Telegrafenmast auf der Straße. Depression und Sorge scheinen hier eher auf. Auch seine Traumbilder zeugen von Stimmungsschwankungen und Sensibilität. Die Gemälde Ölraffinerie und Der gelbe Kessel aus dieser Zeit gelten als seine besten. Seine Malerei ist gekennzeichnet durch einen Widerspruch in der Thematik. Dorf-, Stadt und Landschaft einerseits, Industrie und Maschinenmalerei andererseits. Menschen sind auf seinen Gemälden nur vereinzelt dargestellt.
 

Carl Grossberg, Der gelbe Kessel 1933 - Foto: Von der Heydt-Museum Wuppertal

Mit solchen Bildern vor Augen, die sowohl objektiv die Außenwelt der Maschinen, Industrieanlagen zeigen als auch den Blick in eine innere Traumwelt werfen, entstand wohl der Titel der Ausstellung: sachlich, magisch, visionär. Grossberg hat in den 20 Jahren seiner Maltätigkeit rund 70 Bilder überhaupt gemalt, davon werden hier 52 Bilder gezeigt, dazu rund 100 Arbeiten auf Papier und sozusagen im Dialog dazu 40 Fotografien u.a. von August Sander. 27 Leihgaben stammen allein aus den USA. In acht Räumen wird ein thematischer und chronologischer Überblick über das Oeuvre gegeben. Bedeutende Bilder aus dem Fundus des Von der Heydt-Museums ergänzen die Ausstellung. Zu Beginn des Rundgangs sozusagen als Prolog sind im großen Saal Gemälde aus den Zwanzigern (Jankel Adler, Otto Dix u.a,) zu sehen und am Ende als Epilog Malerei der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, die von ihm beeinflußt wurde. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Museum im Kulturspeicher (MiK) Würzburg. Beide Städte haben biografischen Bezug zum Künstler, in beiden Sammlungen ist er gut vertreten. Dank des jetzt möglichen Nachlasses des Malers kann seine Geschichte in der Ausstellung neu erzählt werden
 

Die Kuratoren Dr. Anna Storm und Dr. Roland Mönig - Foto © Johannes Vesper

Zur Ausstellung erschien ein Katalog im Hirmer- Verlag (45,- € im Handel, 35,- € im Museum) in Deutsch und Englisch mit zahlreichen Abbildungen und Beiträgen von Roland Mönig, Marcus Andrew Hurttig, Henrike Holsing, Adrian Sudhalter, Olaf Peters und Anna Storm. Klappenbroschur, 168 Seiten, 80 Abb., 22 x 31 cm - ISBN 978-3-7774-4633-2
Die Ausstellung in Wuppertal wurde kuratiert von Dr. Roland Mönig und Dr. Anna Storm.
Zahlreiche Angebote zur Ausstellung für Familien und Kinder werden angeboten. Anmeldung unter vdh.kunstvermittlung@stadt.wuppertal.de  Tel. 02026630 oder 02025636900 erforderlich. Der Blick auf das reichhaltige Programm wird dringend empfohlen.
 
Carl Grossberg: sachlich - magisch - visionär / objektive – magical - visionary
Von der Heydt-Museum Wuppertal 22.03.-30.08.26
Museum im Kunstspeicher (MiK) Würzburg 26.09.26 - 17.01.27
 
Weitere Informationen: https://von-der-heydt-museum.de